Zum Tod des Malers und Bildhauers: Thomas Zipp erkundete die Welt zwischen Wissenschaft, Religion und Wahnsinn
Thomas Zipps Installationen sehen oft aus wie Labore. Versuchsanordnungen, in denen menschliche Zustände, Irrglauben und Wahn mit Wissenschaft, Philosophie und Medizin zusammengebracht werden. Auf dass Verknüpfungen offenbar werden. Zipps Installationen sind raumspezifische Gesamterfahrungen, definitiv wilder, dystopischer und humorvoller als jedes klassische Labor.
„Profondeville“ hieß seine jüngste Einzelausstellung in der Berliner Galerie Barbara Thumm. In der Schau, die zur Art Week 2025 eröffnet wurde, ging es um Ufo-Sichtungen, die zwischen 1989 und 1991 das belgische Städtchen Profondeville in Aufruhr versetzten und die Zipp schon länger faszinierten.
Durch die Ausstellungshalle legte der Künstler einen grauen Autobahnteppich, im Zentrum ein umgestürztes Motorrad, daneben eine Frau im Schlafsack. Auf Gemälden mit stilisierten nächtlichen Häusern waberte die kindliche Frage, ob Außerirdische überhaupt in Häusern wohnen. Die Ausstellung funktionierte wie ein Parcours, in dem sich Unbehagen und Neugier mit irgendwelchen Ahnungen verbinden.
Interessiert an der vierten Dimension
In Zipps multimedialer Kunst ging es stets um die Frage, welche Realität wir an uns heranlassen. Die des Alltags, die des Schlafs, die wissenschaftliche, die literarische? Alle Ebenen der menschlichen Wahrnehmung inklusive der vierten Raumdimension waren Gegenstand seines künstlerischen Interesses.

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Die Kunsthalle Gießen, die jüngst einen Katalog zu seinem Werk herausgab, bezeichnete Zipp als einen der erfolgreichsten Künstler seiner Generation. Es gebe in seinem authentischen, präzisen Schaffen keine Veränderungen der Handschrift, obwohl er in seiner Kunst ständig neue Welten erschließe.
Zipp, 1966 in Heppenheim geboren, absolvierte seine akademische Ausbildung an der Städelschule in Frankfurt am Main und an der Slade School of Fine Art in London. Nach Berlin kam er schon während seines Studiums, trat als Schlagzeuger mit seiner Band in Clubs auf – wie er in einem Podcast zum Gallery Weekend im vergangenen Jahr erzählte.
Ende der Neunzigerjahre zog er dann ganz in die Hauptstadt, kam genau zu der Zeit, als junge Maler aus diversen Ecken der alten und neuen Bundesrepublik in Berlin ihre Freiheit suchten und fanden – wegen der günstigen Mieten auch befreit vom Druck, sofort viel Geld verdienen zu müssen. 2004 war er Teil der prägenden Ausstellung „Made in Berlin“, die von dem ehemaligen Direktor der Hamburger Deichtorhallen Zdenek Felix kuratiert wurde.
Seit 2008 war Thomas Zipp Professor an der Universität der Künste in Berlin, schickte seine Schüler etwa zum Austausch in Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso. „Rückgrat stärken, Mut machen, die guten Sachen sehen und fördern“, so hatte er es bei seinem Lehrer Thomas Bayrle erlebt, und so war auch seine Herangehensweise im Umgang mit seinen Studenten. Ihm ging es um das größere Ganze des Lebens, um Zusammenhänge, die man nicht auf den ersten Blick sieht, um Verbindungen.