Eröffnung der Leipziger Buchmesse: „Wir akzeptieren diesen autokratischen Gestus nicht“

Es ist die in Belgrad geborene und in Wien lebende Schriftstellerin Barbi Marković, die es dann endlich einmal gut sein lassen will mit dem Buchhandlungspreis. „Eigentlich wollte ich an dieser Stelle jetzt auch was dazu sagen“, so Marković an einer Stelle gegen Ende ihrer Laudatio auf den bosnisch-kroatischen Schriftsteller Miljenko Jergović, „doch ich glaube, das hat sich jetzt wirklich erledigt“.

Marković hat genug vom Buchhandlungspreis

Aber sie irrt: Als danach der Börsenvereinsvorsteher des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, die Begründung der Jury für den diesjährigen Preis der Europäischen Verständigung an Jergović vorliest, meint er vorher erwähnen zu müssen, dass die Buchgeschäfte „Rote Straße“ in Göttingen, „Die schwankende Weltkugel“ in Berlin und der „Golden Shop“ in Bremen auch die Bücher von Jergović im Sortiment führen. Wie könnte es anders sein.

18.03.2026, Sachsen, Leipzig: Die Schriftstellerin Barbi Marković hält im Gewandhaus in Leipzig die Laudatio für den Buchpreisträger. Mit der Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung wird die Leipziger Buchmesse eröffnet. Bis zum Sonntag präsentieren Verlage ihre Neuheiten in diesem Bücherfrühling. Foto: Hendrik Schmidt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Die Schriftstellerin Barbi Marković bei ihrer Laudatio auf Miljenko Jergović

© dpa/Hendrik Schmidt

Markovićs Bemerkung weist darauf hin, wie aufgeladen diese Eröffnungsfeier gewesen ist. Zum einen nach der Debatte um die Streichung der drei genannten Buchgeschäfte von der Preisliste für den mit insgesamt einer Million Euro dotierten Deutschen Buchhandlungspreis durch den BKM und den Verfassungsschutz. Zum anderen aber auch nach dem seltsamen, von Weimer verursachten Hin und Her bezüglich des Erweiterungsbaus der Nationalbibliothek in Leipzig.

Bevor Sebastian Guggolz kurz auf die Nationalbibliothek und dann auf die Sache mit den Buchhandlungen kam, auf die „politischen Interventionen, die unsere Freiheit und Unabhängigkeit infrage stellen wollen“, erwähnte er unter starkem Applaus – ein lokales Politikum –, dass das Literaturhaus Leipzig Unterstützung von der Stadt Leipzig bekomme und damit weiter den Betrieb aufrecht halten könne. „Eine Buchstadt ohne Literaturhaus wäre unvorstellbar gewesen“, so Guggolz.

Guggolz ist „stolz“ auf die Buchbranche

Von „Stolz“ sprach Guggolz schließlich, darauf, „wie laut, stark, aufrecht und widerständig die Buchbranche“ sein könne. „Der Sphäre der Politik und der Geheimdienste wurde deutlich gezeigt, dass wir ihre Stigmatisierung und ihre begriffliche und weltanschauliche Verengung der Vielfalt, ja, ihren fragwürdigen autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren.“

Nach Guggolz hatte es Weimer noch einmal schwerer, gegen das Auditorium im Gewandhaus – so fast bis auf den letzten Platz gefüllt dürfte es bei einer Eröffnungsfeier der Buchmesse noch nie gewesen sein – anzukommen. Weimer hielt seine Weimer-Rede. Leitmotivisch fanden sich darin ein paar Begriffe des kürzlich verstorbenen Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas. Und das auch am Ende, das eigentlich für Jergović hätte reserviert sein müssen, als Weimer sich vor der Freiheit dieses Autors verbeugte, „heute aber auch vor allem Dingen vor Jürgen Habermas“.

Das „Habermas-Verfahren“

Und natürlich kam Habermas bei Weimer auch in Form einer persönlichen Erinnerung vor. Weimer saß nämlich in Frankfurt am Main als junger Student als einer der wenigen jungen Menschen in einer Habermas-Vorlesung, „fasziniert und überzeugt davon, dass Verständigung nur durch Vernunft zu erreichen“ sei: „Wenn ich heute an diesen Jürgen Habermas erinnere, plädiere ich zugleich für das Habermas-Verfahren, für die abwägende, deliberative Demokratie.“ Habermas-Verfahren? War das Selbstironie? Eine Springer-Zeile? Ein gespielter Witz?

Und Weimer sagte zum dritten Mal an diesem Tag nach seinem Interview in der „Zeit“ und dem Auftritt im Kulturausschuss des Bundestags, dass die „Kategorie der Freiheit“ und die „Kategorie der Förderung“ zwei unterschiedliche Dinge seien (wofür es zaghaft Applaus gab). Der Staat müsse in letzterem Fall seiner Sorgfaltspflicht nachkommen, und wenn der Verfassungsschutz Erkenntnisse habe, heiße es für ihn einzugreifen. („Welche Erkenntnisse?“ erschallte es fragend aus dem Publikum).

Es ist Buchmesse, und hier ist immer was los.

Michael Kretschmer, CDU, Ministerpräsident von Sachsen

Eine neue Idee hatte Weimer auch noch: den Buchhandlungspreis mit einem Kinder- und Jugendbuchhandlungspreis zu ergänzen, ihn vielleicht auch zusätzlich zu europäisieren. Man könnte das beschreiben als: den Schaden begrenzen, indem man gleich nach vorn denkt.

Kretschmers Mäandern

Denn der Deutsche Buchhandlungspreis wird als solcher kaum noch einmal wie gehabt zu verleihen sein, das Auswahl- und Auszeichnungsverfahren dürfte nächstes Jahr schon anders aussehen. Weimer erhielt nach seinem Auftritt zögerlichen Applaus und viele Buhs, was Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer zu Beginn seiner Rede mit den Worten kommentierte: „Es ist Buchmesse und hier ist immer was los.“

18.03.2026, Sachsen, Leipzig: Miljenko Jergovic, kroatisch-bosnischer Schriftsteller, wird für seine Erzählungen "Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered" mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Mit der Verleihung des Buchpreises wird die Leipziger Buchmesse eröffnet. Bis zum Sonntag präsentieren Verlage ihre Neuheiten in diesem Bücherfrühling. Foto: Hendrik Schmidt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++