So fällt die Paralympics-Bilanz im deutschen Team aus: „Ich bin froh, wenn ich jetzt von hier wegkomme“
Das waren die Paralympics: Eine starke Anna-Lena Forster, viel Trubel im nordischen Bereich, die emotionale Rückkehr des Para-Eishockeyteams und über allem politische Spannungen und fragwürdige Wettkampfbedingungen.
Im offiziellen Medaillenspiegel beendete Deutschland die Paralympischen Winterspiele mit 17 Medaillen auf Rang elf und verfehlte damit das erklärte Ziel, unter die besten sechs Nationen zu kommen. Zehnmal landete das deutsche Team auf dem undankbaren vierten Platz.
„Das tut natürlich weh“, bilanzierte Sportdirektor des DBS Marc Möllmann in der ARD, „aber es zeigt, dass wir vorne dabei sind.“ Zugleich verwies er auf die signifikant gestiegene Leistungsdichte im internationalen Para Sport. Deutschland sei international zwar konkurrenzfähig, sagte Möllmann, doch es fehle an der nötigen Breite in der Spitze.
„Natürlich hätten wir uns ein paar Ausreißer nach oben gewünscht, insbesondere nach ganz oben“, sagte der Chef de Mission. „Zwei Goldmedaillen, fünf Silbermedaillen und neun Bronzemedaillen attestieren dem Team eine gute Leistungsbereitschaft und Leistungsperformance. Und leider haben wir auch die vierten Plätze.“
Para Ski alpin: Solo-Show Forster
Anna-Lena Forster war die zentrale Figur im Team D des DBS. Die Monoskifahrerin holte die beiden einzigen Goldmedaillen für die deutsche Mannschaft in der Abfahrt und im Riesenslalom. Dazu kam Silber in der Super-Kombination. Im Slalom verpasste sie eine weitere Medaille um nur 0,08 Sekunden und wurde Vierte. Im Zielraum an der Tofana flossen danach Tränen.

© imago/Beautiful Sports
Para Ski nordisch: Viel Bronze, viel Pech
Das Team um Bundestrainer Ralf Rombach holte 14 der 17 deutschen Medaillen bei diesen Paralympics. Besonders erfolgreich waren Anja Wicker und Marco Maier, die jeweils vier Medaillen gewannen. Wicker sicherte sich Silber und zweimal Bronze im Biathlon sowie am letzten Wettkampftag Silber über 20 Kilometer im Skilanglauf. Maier kam auf dreimal Bronze im Biathlon und Staffel-Silber. Johanna Recktenwald lief zu Bronze, Leonie Maria Walter bekam nach einem Kopfhörer-Chaos noch Bronze zugesprochen. Beim Schießen hatten ihre nicht funktioniert.
Auffällig war die Zahl der vierten Plätze. Kathrin Marchand und Andrea Eskau wurden im Sprint jeweils Vierte, Anja Wicker verpasste über zehn Kilometer Bronze um 1,5 Sekunden. Lennart Volkert und Guide Nils Kolb landeten im Sprint-Verfolgungsfinale auf Rang vier, Leonie Walter fiel nach einer umstrittenen Juryentscheidung vom Silberrang auf Platz vier zurück.

„Ich bin froh, wenn ich jetzt von hier wegkomme“, resümierte ein sichtlich angefasster Bundestrainer Rombach in der ARD. Die Krankheitsfälle, umstrittene Juryentscheidungen und schwierige Wetterbedingungen hätten sein Team stark belastet: „Es lief einfach vieles gegen uns.“ Trotz dieser Umstände lobte Rombach seine Mannschaft ausdrücklich. Einsatz und Einstellung hätten gestimmt, sein Team habe bis zum Ende gekämpft. Die Leistungen seiner Athletinnen und Athleten bewertete er unter diesen Bedingungen als „sehr, sehr gut“.
Para Eishockey: umjubeltes Comeback
Ein starkes Signal setzte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft, die nach 20 Jahren auf die internationale Bühne zurückkehrte. Vier Spieler aus dem Team von 2006 waren wieder mit dabei, darunter Jörg Wedde, mit 60 Jahren der älteste Athlet im Team D. Der jüngster Spieler Jano Bußmann, war damals noch gar nicht geboren.
Deutschland war mit seinen Amateursportlern der klare Außenseiter des Turniers. Nationen wie China und den USA traten mit Vollprofis an. Deutschland dagegen schickte Amateursportler aufs Eis. Der Grund liegt in der schwachen Förderung: Para Eishockey ist in Deutschland strukturell unterfinanziert. Viele Spieler erhielten lange nur minimale Unterstützung.
Die „Könige der Kufen“ feierten einen Overtime-Sieg gegen die Slowakei dank vier Toren von Felix Schrader und ein Spiel um Rang fünf gegen Gastgeber Italien vor über 6000 Zuschauern. „Für uns war das Turnier eine unglaubliche Erfahrung“, sagte Kapitän Jan Malte Brelage. „Der sechste Platz in diesem Turnier ist erst der Anfang“.
Russland: Der Schatten der Spiele
Die politisch folgenreichste Entscheidung fiel schon vor dem ersten Wettkampf: Die Vollversammlung des IPC stimmte für eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland und Belarus, der Internationale Sportgerichtshof bestätigte diesen Schritt. Die Zulassung unter eigener Flagge und mit eigener Hymne wurde damit zum politischen Dauerthema dieser Spiele.
Es gab länderübergreifend Boykotte und Proteste, die die Atmosphäre bei Eröffnungsfeier, Siegerehrungen und im Paralympischen Dorf spürbar veränderten. Athlet:innen positionierten sich sichtbar gegen die Entscheidung des IPC; auch Linn Kazmaier und Florian Baumann demonstrierten bei einer Siegerehrung offen gegen den russischen Start, als sie sich bei der Hymne der russischen Goldgewinner wegdrehten. Damit wurde ein deutsches Silber zu einem der politischen Bilder dieser Spiele.
Wetter: Alles nur kein Wintermärchen
Neben der Politik beherrschte auch das Wetter die Schlagzeilen. Die frühlingshaften Temperaturen in Cortina und Tesero sorgten für weiche, matschige Pisten und Loipen. Trainingsläufe mussten abgesagt, Startzeiten vorgezogen werden. Marco Meier ging in Shorts und T-Shirt an den Start, sein Outfit ging viral. Gerade im Para Sport wiegen solche Bedingungen besonders schwer, wie zahlreiche Stürze gezeigt haben. Sehbehinderungen und geringere Kompensationsmöglichkeiten der Athlet:innen erhöhen das Sicherheitsrisiko. Die Diskussion über eine zeitliche Vorverlegung der Winter Paralympics nimmt nach diesen Spielen Fahrt auf.