Kritische Athleten sollen „nach Hause gehen“: Wer bei OIympia gegen die US-Politik protestiert, wird schnell selbst zur Zielscheibe

Eigentlich sollen die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina ein Ort sportlicher Ausnahmeleistungen sein. Für viele US‑Athletinnen und -Athleten, die die Stimme gegen US-Präsident Donald Trump erheben, werden sie aber zugleich zu einem politischen Drahtseilakt.

Nachdem Vizepräsident JD Vance bei der Eröffnungsfeier am Freitag ausgebuht wurde und Italien gegen die Präsenz der US‑Einwanderungsbehörde ICE protestierte, geraten auch die Sportlerinnen und Sportler immer mehr in den Fokus einer politischen Debatte.

Den wohl sichtbarsten Protest gegen den US-Präsidenten und sein MAGA-Lager (Make America Great Again) lieferte der aus den USA stammende, aber für Großbritannien startende, Freestyler Gus Kenworthy. Er postete ein Foto, auf dem der Schriftzug „Fuck ICE“ zu sehen ist – ihm zufolge hatte er ihn eigens in den Schnee gepinkelt.

Andere US‑Athleten äußern sich weniger drastisch, aber nicht weniger deutlich. So sagte etwa Kenworthys Kollege Chris Lillis, dass er „todunglücklich“ sei über das brutale Vorgehen der ICE-Beamten, und kritisierte die Einwanderungspolitik von Trump. Als Antwort darauf wolle er bei Olympia andere Werte repräsentieren und sich dafür einsetzen, dass alle Bürger mit Liebe und Respekt behandelt werden.

Halfpipe‑Skifahrer Hunter Hess sprach von „gemischten Gefühlen“, die er aktuell dabei habe, die USA zu vertreten: „Nur weil ich die Flagge trage, repräsentiere ich nicht alles, was zuhause passiert.“ Auch er fordert Respekt, Offenheit und die Freiheit, Kritik zu äußern. Trump bezeichnete ihn anschließend als „echten Loser“ und dass es ihm schwerfalle, „jemanden wie ihn anzufeuern“.

US-Sportlerin wird zur Zielscheibe von Trumps Anhängerschaft

Doch obwohl sich die Athleten vorwiegend zurückhaltend äußern, ist die Kritik aus der Heimat laut. Diese Erfahrung musste auch die offen bisexuelle Eiskunstläuferin Amber Glenn machen, nachdem sie eine Frage zur Haltung Trumps gegenüber der LGBTQ+-Community beantwortete und von einer „schweren Zeit für die Gemeinschaft, vor allem für die queere Menschen“ sprach. Sie meinte zudem, sich „nicht einfach aus der Politik heraushalten zu wollen“, weil diese das Leben queerer Menschen beeinflusse.

In der Folge wurde sie zur Zielscheibe von MAGA‑Accounts, die sie beleidigten und ihr drohten. Auch mehrere US-amerikanische Politiker übten scharfe Kritik. Glenn kündigte als Konsequenz an, sich zeitweise von Instagram zurückzuziehen – eine Entscheidung, die zeigt, wie hoch der Preis für politische Haltung inzwischen ist.

Eiskunstläuferin Amber Glenn bezog Stellung gegen Donald Trump und erhielt anschließend zahlreiche Hassnachrichten.

© imago/AFLOSPORT/IMAGO/Naoki Nishimura

Dennoch lassen sich auch andere US-Sportlerinnen nicht davon abhalten, Stellung zu beziehen. Zu den deutlichsten Stimmen gehört die Langlauf‑Olympiasiegerin Jessie Diggins. Die 34‑Jährige, im Weltcup dominierend und eine der prägenden Figuren des Teams, sprach am vergangenen Donnerstag über die beiden Tötungen der US-Bürger Renée Good und Alex Pretti in Minneapolis durch ICE.

Und meine Angst vor den Ereignissen in meiner Heimat verleiht jedem Rennen einen tieferen Sinn. Denn ich bin hier, um etwas zu bewirken.

Jessie Diggins, Langlauf-Olympiasiegerin aus Minnesota

„Es ist unglaublich schwer, mich auf das Skifahren zu konzentrieren, wenn ich sehe, was zuhause passiert“, sagte sie. „Und meine Angst vor den Ereignissen in meiner Heimat verleiht jedem Rennen einen tieferen Sinn. Denn ich bin hier, um etwas zu bewirken.“ Sie starte für „ein Amerika, das liebevoll, respektvoll, offen ist“ – und nicht für „Hass, Gewalt oder Diskriminierung“.

Genau wie Diggins stammt auch Skirennläuferin Lindsey Vonn aus Minnesota und hatte sich vor ihrem dramatischen Rennen am Sonntag kritisch geäußert. „Ich habe Familie und Freunde in Minnesota, wo ich aufgewachsen bin. Mein Herz ist unglaublich schwer für alle zu Hause“, hatte sie in einer Presserunde gesagt und angekündigt, der Welt zu zeigen, „was Amerika ist, wer wir als Menschen sind, denn wir sind mehr als das, was gerade passiert“.

USA's Jessie Diggins competes during the women's cross country 10km + 10km skiathlon event of the Milano Cortina 2026 Winter Olympic Games at Tesero Cross-Country Skiing Stadium in Lago di Tesero (Val di Fiemme) on February 7, 2026. (Photo by Anne-Christine POUJOULAT / AFP)