Geisterstunde in der St. Matthäus-Kirche: Ein Künstler jagt Phantomen nach
Der Eröffnungstermin ist gut gewählt, kurz nach dem Dreikönigstag, im Kirchenjahr auch Epiphanias genannt, weil Gott hier den Menschen erscheint. Dem Überraschungsmoment kommt der polnische Künstler Dominik Lejman mit seiner Ausstellung „Phantome“ in der St. Matthäuskirche bemerkenswert nahe. Auf seinen abstrakten Gemälden erscheinen phantomhaft diverse Figuren und verschwinden wieder, durch Projektion auf die Oberfläche der Leinwand gebracht.
In der Sakristei gerät der Besucher abgefilmt sogar selbst mit ins Bild. Dort kniet eine nackte Rückenfigur wie ein Büßer mit einem spitzen weißen Hut auf dem Kopf. Dem einen kommt dabei Goyas „Flug der Hexen“ in den Sinn, die halbnackt mit einem Toten am nächtlichen Himmel schweben und ebenfalls solche spitzen Hüte tragen. Mit dieser Kopfbedeckung wurden während der Inquisition Ketzer gekennzeichnet.
Die Betrachter findet sich in der Rolle des Klägers oder Täters wieder
Andere denken wiederum an Aufnahmen aus dem Gefängnis von Abu Ghraib, auf denen die Gefolterten hohe Mützen übers Gesicht gezogen bekamen. Auf jeden Fall wird einem unbehaglich zumute bei der Betrachtung, mehr noch Interaktion, wird man doch durch filmische Einbeziehung selbst zum Darsteller in dieser gespenstischen Szene und findet sich unversehens in der Rolle des Klägers, Beichtvaters oder Täters wieder, je nach dem, was man assoziiert.
Unbeteiligt lassen Dominik Lejmans Werke einen jedenfalls nicht. Genau an diesen Punkt möchte der polnische Künstler sein Publikum lenken, wenn auch sonst nicht so drastisch wie bei „YoLoVi“, der Videoprojektion mit zeitversetzter Überwachungskamera in der Sakristei von St. Matthäus.

© Dominik Lejman
Nach dem Studium der Malerei Mitte der neunziger Jahre an der Akademie in Danzig und dem Londoner Royal College of Art suchte er nach einem Weg, die geschlossene Welt des Bildes zu öffnen und Bewegung, ja Leben hereinzulassen, ohne Pinsel und Farbe aufzugeben. Die Entdeckung, dass sich Malerei und Video kombinieren lassen, muss für ihn ebenfalls eine epiphanische Erfahrung gewesen sein.
Dadurch wird bei ihm auch die Zeit zur Kategorie, die ansonsten in der Malerei stillgestellt erscheint. Lejmans Werk greift auf diese Weise immer weiter aus, er ist nicht nur ein Maler und Videokünstler, sondern auch Philosoph. dazu kunsthistorisch versiert. Immer wieder nimmt er Bezug auf die Großen der Kunstgeschichte, zitiert hier Goya, dort Zurbarans „Schweißtuch der Veronika“.
Bei der Aufnahme einer aufgebahrten anonymen Leiche, die ansonsten Studierenden der Medizinischen Fakultät in Danzig im Pathologieunterricht dient, filmt er flach von den Füßen weg zum Haupt, als wäre es Mantegnas „Christo morto“. Darunter läuft ein Timecode. Eine Stunde lang schnurrt die Zeit ab, ein Countdown für die Lebenden, die Betrachter.
Mit Dominik Lejmans „Phantom“-Ausstellung hat sich St. Matthäus nicht nur terminlich gut platziert und inhaltlich getroffen, denn der polnische Künstler arbeitet sich an den ewigen Dingen ab. Bei der Eröffnung bezeichnet er sich selbst als „römisch-katholischen Atheisten“. „Wir werden niemals in der Lage sein, der Religion zu entkommen.“
Gleichzeitig befindet sich die Ausstellung räumlich in perfekt Lage – genau in der Mitte zwischen Gemälde- und Neue Nationalgalerie. In der einen sind die Alten Meister zu sehen, von denen sich Lejman inspirieren lässt, in der anderen wird gegenwärtig Christian Marclays filmische Installation „The Clock“ gezeigt. Auch in dem Kino, das in die gläserne Halle des Mies van der Rohe-Baus eingebaut ist, läuft die Zeit sichtbar ab, genau 24 Stunden: Minute für Minute entlang genial zusammengeschnittener Schnipsel von Filmklassikern.
Besser könnte es sich für Dominik Lejman nicht fügen. Seine Kunst profitiere immer wieder von glücklichen Momenten, sagt er. Das können Momente der Begegnung sein wie mit Künstlern, mit denen er zusammenarbeitet. Die Verse des amerikanischen Dichters Howard Altmann etwa tauchen in den Farbfeldern seiner abstrakten Gemälde auf. Oder der polnische Darsteller Leon Dziemaszkiewicz, der sich als „Ubu“ vor monochrom schwarzem Grund den Anzug vom Leibe schneidet.
Es können auch Eingebungen sein wie beim Bildtitel „Leni Laufstall“. Nur wenige Sekunden huscht ein Filmausschnitt der NS-Regisseurin Leni Riefenstahl über die Leinwand. Darauf sind die gespannten Waden kleiner Jungen zu sehen, die sich kurz auf ihre Fußspitzen stellen, um einen Blick auf Adolf Hitler zu erhaschen, der 1938 in München paradiert.
Riefenstahl suggeriert damit geschickt Erhebung, das Streben zum Licht. Sobald die Projektion endet, ist auf der Leinwand allerdings nur noch ein Laufstall zu sehen, der eher an ein Gefängnis erinnert. Ihr Licht führte ins Dunkel.