Der 1. FC Union Berlin verpasst das DFB-Pokalfinale

Timo Baumgartl war gerade noch rechtzeitig zur Stelle. Der Abwehrspieler des 1. FC Union kratzte den Schuss von Angelino von der Linie, in der Nachspielzeit, die Verlängerung war ganz nah. Beim Stand von 1:1 verblieb noch eine Minute, doch die Berliner hatten gar nicht erst die Chance, sich neu zu sortieren. Eine Flanke von der rechten Seite köpfte der eingewechselte Emil Forsberg fulminant in die rechte obere Ecke.

Es war die Führung für Rasenballsport Leipzig, die Entscheidung. Durch den 2:1 (0:1)-Sieg vor 47.069 Zuschauern hat sich der Favorit das Ticket für das DFB-Pokalfinale gesichert und spielt am 21. Mai im Berliner Olympiastadion gegen den SC Freiburg um den ersten Titel der noch jungen Unternehmensgeschichte. Für Union endet eine großartige Pokalsaison nach einer tollen Leistung mit einer bitteren Niederlage. “Die Mannschaft hat ein außerordentliches Spiel gemacht, über 90 Minuten war es ein glücklicher Sieg für Leipzig”, sagte Unions Trainer Urs Fischer.

Während Leipzigs Trainer Domenico Tedesco am vergangenen Wochenende ordentlich rotiert hatte und nun wieder die erste Garde um Topscorer Christopher Nkunku, Dani Olmo und Angelino in die Startelf beorderte, beließ es Fischer bei zwei Wechseln. Auf den beiden Außenbahnen spielten Kapitän Christopher Trimmel und Bastian Oczipka.

Der prall gefüllte Gästeblock und die angrenzenden Bereiche, die ebenfalls im Berliner Rot erstrahlten, hatten vor dem Spiel ordentlich Lärm gemacht, verstummten wie angekündigt aber mit Anpfiff aus Protest gegen das Geschäftsmodell von Rasenballsport. Auf dem Spielfeld starteten beide Mannschaften dermaßen zurückhaltend, als wollten sie den 15-minütigen Stimmungsboykott lieber erst mal abwarten.

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Vor allem die Leipziger waren zunächst darauf bedacht, keinen Fehler zu machen, und verzichteten auf hohes Pressing. Die beste Chance der Anfangsphase hatte Union nach einer flachen Eckballvariante von Trimmel auf Grischa Prömel. Doch der Mittelfeldspieler traf den Ball erst nicht voll und schoss nach der kurzen Abwehr von Peter Gulacsi ans Außennetz. Wir haben eine fürchterliche erste Halbzeit gespielt, waren extrem nervös”, sagte Tedesco.

Mit dem Erwachen des Gästeblocks nahm auch das Spiel langsam Fahrt auf. Union war sehr präsent in den Zweikämpfen, verschob gut und hatte die Leipziger Offensivabteilung im Griff. Eine Warnung, wie schnell es gegen die individuelle Qualität der Sachsen gehen kann, folgte jedoch umgehend. Oczipka ließ Benjamin Henrichs eine Sekunde aus den Augen und senste ihn dann in höchster Not im Strafraum um. Schiedsrichter Felix Brych pfiff – und entschied nur deshalb nicht auf Elfmeter, weil Henrichs zuvor knapp im Abseits gestanden hatte.

Unions Ballbesitzanteile gingen nun langsam zurück und Leipzig erarbeitete sich eine optische Überlegenheit, ohne dabei viel Gefahr auszustrahlen. Die Berliner versuchten das Mittelfeld schnell zu überbrücken und die Dynamik von Becker und Taiwo Awoniyi zu nutzen. Diese Strategie erwies sich als äußerst effektiv. In der 25. Minute täuschte der Nigerianer einen Lauf in die Tiefe an, kam dann aber einem Pass von Trimmel entgegen. Der hatte nun viel Platz auf der rechten Außenbahn, flankte präzise und am langen Pfosten schob Becker den Ball mit dem schwächeren linken Fuß ins Tor.

Awoniyi verpasst das 2:0 für Union knapp

Bei den Leipzigern zeigte der Treffer durchaus Wirkung. Vielleicht hatten sie sich die Aufgabe nach 14 Spielen ohne Niederlage einfacher vorgestellt, jedenfalls wirkten sie von Unions giftiger Zweikampfführung zunehmend genervt. Es dauerte etwa zehn Minuten, bis die Sachsen in einen Rhythmus fanden. Sie pressten nun höher, wechselten im Angriff die Positionen und schnürten Union mit einem Netz kurzer Pässe ein. Dieser Mischung aus Geduld und Tempowechseln entsprang auch die beste Ausgleichschance, die André Silva jedoch zum Entsetzen der Leipziger Fans freistehend aus elf Metern vergab.

Die zweite Hälfte begann so, wie die erste aufgehört hatte, mit einer Druckphase der Sachsen. Allerdings verteidigte Union nun wieder sehr kompakt und konzentriert. Offensiv kam zwar kaum noch Entlastung, die wenigen Berliner Konter hatten es jedoch in sich. Nach Pass von Becker fehlten Awoniyi nur Zentimeter zum 2:0. So kam es, wie es so oft kommt im Fußball: Der Favorit schlug zurück und das war nicht nur wegen der kurz zuvor vergebenen Chance ärgerlich für Union.

Im Strafraum kam Paul Jaeckel im Zweikampf mit Nkunku ins Straucheln und traf den Franzosen im Fallen. Nach Ansicht der Videobilder entschied Brych vertretbarerweise auf Elfmeter. In der letzten halben Stunde waren beide Mannschaften erst mal darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Erst in den letzten Minuten drückte Leipzig noch mal mit Macht – und schließlich mit Erfolg.