Zum Tod von David Clayton-Thomas: Er war der König der Rock-Baritone

Die Botschaft ist alt und nicht wirklich originell: „Was aufsteigt, muss auch wieder fallen“. Ähnlich hatte es schon Jesus gesagt, wenn man den Evangelisten Matthäus und Markus trauen darf: „Die Ersten werden die Letzten sein.“ Aber mit so viel Wumms wie in der Soulrockhymne „Spinning Wheel“, veröffentlicht von der Band Blood, Sweat & Tears im Woodstock-Jahr 1969, war die Moritat vom ewigen Kreislauf bis dahin nicht in die Welt geworfen worden.
Zu scharfen Bläsersätzen, funky Drums und einem tief grummelndem Bass singt David Clayton-Thomas: „What goes up must come down / Spinnin’ wheel gotta go ‘round.“ Sein Bariton klingt geschmeidig, einmal lässt er ein Vibrato flattern wie ein Opernheld. „Spinning Wheel“, geschrieben von Clayton-Thomas, erreichte den zweiten Platz der Billboard-Charts und stieg zum Klassiker auf, gecovert von Sammy Davis Jr., Shirley Bassey und James Brown.
David Clayton-Thomas, 1949 als Sohn eines kanadischen Soldaten und einer englischen Sängerin in Kingston upon Thames geboren, wuchs ab 1945 in Kanada auf. Er brachte sich das Gitarrenspiel autodidaktisch bei, büxte von zu Hause aus, wurde wegen Landstreicherei verhaftet. Der Blues hat ihn genauso geprägt wie die Arbeit in einem Stahlwerk.
Clayton-Thomas zog nach New York, wurde Leadgitarrist bei John Lee Hooker und stieg 1968 bei Blood, Sweat & Tears ein. Die Gruppe, ursprünglich zehnköpfig, war ein Jahr zuvor vom Gitarristen und Bob-Dylan-Gefährten Al Kooper in Manhattan gegründet worden.
Es waren psychedelische Zeiten. Rock-Kollektive kamen in Mode. Es ging darum, sich für Erfahrungen aller Art zu öffnen und Grenzen zu durchbrechen. Das hippieske, jazzaffine Debütalbum „Child is Father to the Man“ wurde von Kritikern gefeiert und floppte trotzdem. Kooper und zwei weitere Musiker verließen die Band, Clayton-Thomas übernahm seine Position als Leadsänger.
Grenzen durchbrechen
Mit dem neuen Vokalisten und der zweiten, schlicht „Blood, Sweat & Tears“ betitelten Langspielplatte schaffte die Gruppe den Durchbruch. Zehn Millionen verkaufte Tonträger, zwei Grammys. Das Album ist im New Yorker Szene-Club Cafe Au Go Go eingespielt worden und strotzt vor Experimentierfreude.
Es beginnt mit Variationen eines Themas des französischen Fin-de-Siècle-Komponisten Erik Satie, begibt sich immer wieder auf Um- und Nebenwege. BS&T interpretieren Songs von Laura Nyro und Billie Holiday. Die Coverversion der Soul-Ballade „You’ve Made Me So Very Happy“, getragen von Clayton-Thomas’ schmachtender Stimme, ist umwerfend.
Man kann nicht neun Superstars in einer Gruppe haben. Mick und Keith, klar. John und Paul, gut. Aber nicht neun
David Clayton-Thomas, Gitarrist und Sänger
Was auch darin liegt, dass BS&T eine eigene, vierköpfige Bläsergruppe besaßen. Die Band Chicago, die damals noch Chicago Transit Authority hieß, folgte ihrem Beispiel. Im August 1969 spielten Blood, Sweat & Tears beim legendären Woodstock-Festival. Sie traten am dritten, stark verregneten und besonders schlammigen Tag auf, zwischen The Band, Johnny Winter und Crosby, Stills, Nash & Young.
Es soll ein großartiger, energiegeladener Gig gewesen sein. So erzählen es die, die dabeigewesen sind. Allerdings existiert kein Mitschnitt des Ereignisses, weil Kameraleute und das Aufnahmeteam kurzfristig in Streik getreten waren, um eine bessere Entlohnung durchzusetzen.
Verknallt in Joni Mitchell
Zu seinem Jahrhundertstück „Spinning Wheel“ wurde David Clayton-Thomas von Joni Mitchell inspiriert. Die rätselhafte Textzeile „Ride the painted pony“ übernahm er aus ihrem Lied „The Circle Game“. Er kannte die Folksängerin aus Toronto und hatte nach eigenen Angaben einen „crush“: Er war verknallt in Mitchell.
Als der deutsche Produzent Frank Farian 1990 „Spinning Wheel“ für das Stück „All Or Nothing“ des von ihm erschaffenen Discopopduos Milli Vanilli plagiierte, verklagte ihn David Clayton-Thomas. Die beiden einigten sich außergerichtlich auf einen finanziellen Ausgleich.
Nach zwei weiteren Alben verließ Clayton-Thomas 1972 Blood, Sweat & Tears. Zuvor war es zu Querelen zwischen ihm und dem Gitarristen Steve Katz gekommen. „Man kann nicht neun Superstars in einer Gruppe haben. Mick und Keith, klar. John und Paul, gut. Aber nicht neun,“ sagte der Sänger später dem „Toronto Star“. Eine Solokarriere blieb weitgehend erfolglos.
„And when I die and when I’m gone / There’ll be one child born / In this world, carry on, to carry on“, singt Clayton-Thomas in „And When I Die“, einer seiner schönsten Aufnahmen. Das Rad dreht sich immer weiter, auch wenn man diese Welt verlässt.
Am 24. Juni ist David Clayton-Thomas, wie jetzt sein Managment bekanntgab, in Toronto gestorben. Er wurde 84 Jahre alt.
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