Zum Tod der US-amerikanischen Künstlerin Betye Saar: In dieser Woche wäre sie 100 Jahre alt geworden

Die Bürgerrechtlerin Angela Davis soll sich unter anderem vom aufwühlenden Werk Betye Saars zu ihrem Engagement in der Black-Power-Bewegung inspiriert gefühlt haben. Und auch heute noch ist die 1926 geborene US-amerikanische Künstlerin Inspirationsquelle für eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern bei ihrer Auseinandersetzung mit Schwarzer Identität und Rassismus.
Saar, die zunächst zeichnete, ist vor allem bekannt für ihre Assemblagen, die sie seit über 50 Jahren aus gefundenen Objekten anfertigte und mit Zeichnungen, Drucken und Fotos kombinierte. Seit den Sechzigerjahren hatte sie in den USA zahlreiche Ausstellungen, in Deutschland ist ihr Werk weniger bekannt.
Spiritualität als wichtiges Thema
Zum Durchbruch verhalf ihr ein Ankauf des MoMA in New York. Das Museum kaufte das Bild „Black Girl’s Window“ aus ihrer Frühphase, in dem die Silhouette einer Schwarzen Person aus einem hölzernen Rahmen herausschaut, mit neun, teils mystischen Symbolen im oberen Bildbereich. Das Bild sei autobiografisch, sagte die Künstlerin, Einsamkeit und Isolation resultierten dabei nicht nur aus der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Das Bild entstand auch im Jahr von Saars Scheidung.
Das Politische und das Private überlagern sich in Saars Werk immer wieder, etliche ihrer Assemblagen behandeln auf kämpferische Weise rassistische Stereotype gegenüber Schwarzen Frauen. In ihrem berühmtesten Werk stattete sie 1972 die lächelnde Aunt-Jemima-Figur im Sklavenstereotyp, die seit 1889 die Packung einer Pancake-Mischung zierte, mit Black-Power-Faust und einer Schrotflinte aus. Erst 2021 verschwand die Marke aus den Regalen.
Saar hatte 2019 eine große Ausstellung am Los Angeles County Museum of Art (LACMA), bei der ihre Werke mit Skizzen aus ihren zahlreichen, oft auf Reisen entstandenen Notizbüchern kombiniert wurden.
Im Mai 2021 kam dann auch die Würdigung in Deutschland. Die US-Amerikanerin wurde von der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig mit dem Wolfgang-Hahn-Preis ausgezeichnet. Die Gesellschaft hatte Saars Assemblage „The Divine Face“ von 1971 angekauft. Gastjuror Christophe Cherix würdigte die Künstlerin im Rahmen der Preisverleihung als Schlüsselfigur der US-amerikanischen Kunst.
„Ihre Assemblagen aus den 1960ern und frühen 1970ern verknüpfen Fragen von Ethnie, Politik und übernatürlichen Glaubenssystemen mit ihrer persönlichen Geschichte. Saar, die in einer von Segregation geprägten Gesellschaft aufwuchs, hat über all die Jahre an ihrem Glauben festgehalten, dass Kunst unsere finstersten Momente und tiefsten Ängste überwinden kann. Heute schöpft eine neue Generation von Künstler*innen aus ihrem überwältigenden Werk…“, so Cherix.
Die US-Amerikanerin starb am vergangenen Sonntag im Alter von 99 Jahren in Los Angeles.