„Was haben wir gelacht“ im Kino: Im Gruselkabinett des Männerhumors
Unglaublich, was im deutschen Fernsehen mal ganz normal war. Da spuckt der wegen seiner angstfreien politischen Inkorrektheit einst hochverehrte Harald Schmidt einer blonden Frau, die auf dem Schreibtisch seiner Late-Night-Show liegt, in den mit Waldmeister-Brausepulver gefüllten Bauchnabel.
Ein Zitat aus dem Roman „Die Blechtrommel“, genau. Die Schmidt-Show wurde ja gern von gebildeten Kreisen geguckt. Die Frau spielt mit, lacht und spricht: „Also, das hätte ich nicht gedacht, dass Sie so gut lecken können!“ Schmidt lächelt maliziös, das Studiopublikum brüllt vor Lachen.
Oder der Sketch mit der Gummititte. Da empfiehlt der jüngere, noch bartlose Schmidt in der Show „Schmidteinander“, die wegen ihres Anarchohumors populär war, Pappkartons als Mittel gegen sexuelle Belästigung bei der Arbeit. Die Bürokraft steckt im Karton, von hinten umfängt Schmidt sie mit Kartons, die auf die Hände gesteckt sind. „Das ist sicher“, witzelt er nach dem Einspieler, zieht eine Karton-bedeckte Hand hinter dem Schreibtisch hervor und quetscht zum Gelächter des Publikums eine Gummibrust.

© PR/Archiv WDR/Schmidteinander
Die Reaktion bei der versammelten Garde der Humorpionierinnen der deutschen TV-Unterhaltung fällt ähnlich irritiert aus, wie die von Zuschauerinnen ausfallen würde, wenn sie das im Jahr 2026 zu sehen bekämen. Fremdschäm-Alarm!
Es gleicht einem Gruselkabinett, was die Filmemacherinnen Eva Müller und Isabel Schneider für ihren Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ da aus den Fernseharchiven der öffentlich-rechtlichen wie der privaten Sender der neunziger und frühen nuller Jahre gefischt haben. Aus der Zeit, als Thomas Gottschalk mit „Wetten, dass…?“ die Samstagabendshow prägte und Harald Schmidt, das Team von „RTL Samstag Nacht“ und Stefan Raab mit „TV Total“ als Nonplusultra in Sachen Humor galten.
Abgesehen von Radio Bremen, die Maren Kroymann mit „Nachtschwester Kroymann“ ab 1993 die erste Satiresendung einer Frau im deutschen Fernsehen gaben, betrachteten die Sender weiblichen Humor zu der Zeit als Quotenkiller.
Daran erinnert man sich als Zeitgenossin noch bestens, auch daran, dass Witze auf Kosten von Ausländern, Schwulen, Frauen in den Neunzigern allgegenwärtig waren. Umso mehr erschrickt man in der Rückschau, was für reaktionäre Humor-Muster von den angeblichen Entertainment-Avantgardisten ihrer Zeit verbreitet wurden. Und wie willig das Fernsehpublikum sie konsumiert hat.

© PR/BASIS BERLIN Filmproduktion/ZDF/Thomas Lütz
Der Bauplan dieses cineastisch schlichten, aber inhaltlich erhellenden Dokumentarfilms ist denkbar einfach: Müller und Schneider haben sich fünf Pionierinnen der witzigen Fernsehunterhaltung einzeln in ein Studio eingeladen. Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Esther Schweins, Bettina Böttinger und Gaby Köster.
In Interviews vor schwarzem Hintergrund skizzieren sie ihre von Fotos und Ausschnitten aus ihrem TV-Jugendwerk beglaubigte Biografie und reflektieren über die eigene TV-Prägung, die ohne weibliche Vorbilder auskommen musste.

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„Im Fernsehen gab es früher nur Ansagerinnen und Assistentinnen“, sagt Bettina Böttinger. Müller und Schneider haben in zwei Jahren Archivarbeit dazu die passenden Ausschnitte aus Kulenkampff-, Thoelke- und Carrell-Shows ausgegraben, in denen die Showmaster ihre Assistentinnen mal als „Frau, die sich gerne im Hintergrund hält“ loben, ihren Stöckelschuh-Gang parodieren oder – wie Carell in einer Show – auf ähnlich gönnerhafte Weise die Schönheit der Haare und Zähne einer Kandidatin preisen.
„Humor ist ein Machtfaktor“, sagt die analysestarke Maren Kroymann, „wer sich lustig macht, definiert die Welt“. Ein Grund für sie, das ab den Neunzigern auch selbst im Fernsehen tun zu wollen.
Vaginal, anal oder oral?
Kroymann geht das Thema sexuelle Belästigung komplett anders an als Harald Schmidt. „Wann ist es Ihnen das letzte Mal gekommen?“, fragt ein schmieriger Bürokollege die Darstellerin Kroymann in einem Sketch. „Meinen Sie vaginal, anal oder oral?“, antwortet ihre Figur und kontert, dass in der Buchhaltung darüber getratscht werde, ob der Kollege überhaupt noch einen hoch bekäme. „Das ganze Haus hat deshalb gesammelt. Sie gehören mal wieder richtig durchgefickt“, fertigt sie den verdatterten Kollegen ab und steckt ihm einen Geldschein zu. Ironisches Sexismus-Dekouvrieren at its best.
Das finden auch die Kolleginnen, die sich – so wie die Protagonistinnen selbst – die alten Sketche im Studio nochmal anschauen und dabei gefilmt werden. Aus ihren anschließenden Kommentaren wird im Schnitt dann ein künstlicher Dialog.

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Er fällt – wenig überraschend unter Feministinnen – meist solidarisch aus. Etwa bei Bettina Böttingers Reaktion auf einen Sketch von Harald Schmidt, der in seiner Show die Gag-Frage, was eine Klobrille und Bettina Böttinger gemeinsam haben, so beantwortet hat: „Die würde kein Mann freiwillig anfassen.“ Als Reaktion auf den sexistischen und homophoben Witz besucht Böttinger eine der nächsten Shows, gibt zu, dass Schmidt sie mit dem Gag verletzt habe, und lässt ihn vor laufenden Kameras sitzen.
Nur Hella von Sinnen übt Kritik an Böttingers Auftritt, weil sie findet, dass man sich als Frau im unbarmherzigen Fernsehgeschäft nie als verletzlich erweisen, mithin eine Opferrolle einnehmen dürfe. Dagegen geht sie selbst in einer Hammerszene an. 1995 ist sie gemeinsam mit Maren Kroymann zu Gast im SWR-„Nachtcafé“ über „Männerhumor und Weiberwitz“.

© PR/Archiv SWR/Nachtcafé: Männerhumor und Weiberwitz – wer lacht über was?
Der onkelige Moderator stellt Kroymann als „Professorentöchterchen“ vor und befühlt übergriffig den weichen Stoff ihres Sackos. Und ein Karnevalist behauptet, dass „Sie, verehrte Frau von Sinnen, ja im Karneval gescheitert sind“. Sei sie nicht, sagt die Komikerin, immerhin habe sie zwanzig „Raketen“, also besonders heftige Beifallsstürme, bekommen. Worauf der Karnevalist – nach Donald-Trump-Manier – einfach noch mal dasselbe behauptet.
Dass TV-Entertainerinnen immer auch Role Models für Körperbilder sind, wird in „Was haben wir gelacht“ nicht erst durch Verona Feldbuschs Erscheinen deutlich, die Esther Schweins in „RTL Samstag Nacht“ sehr witzig parodiert.
Um ähnlich auf sexy getrimmte Frauen im TV zu sehen, die – anders als später Feldbusch – völlig ironiefrei ihr Dekolleté in die Kamera halten, muss man 30 Jahre nach den Anfangsjahren der Humoristinnen nur ins Reality-TV schauen. „Was haben wir gelacht“ zeigt eine misogyne Vergangenheit, die trotz mancher Fortschritte noch längst nicht vergangen ist.