Starkünstler Jeff Koons im Interview: „Wir lernen unseren Körper als Erstes am Waschbecken kennen“
Herr Koons, Sie reden gern über die Bedeutung des Staunens, der Ehrfurcht. Wann hat Sie das letzte Mal etwas umgehauen?
Vor Kurzem waren wir mit der Familie in Rom und haben die Vatikanischen Museen besucht. Am nächsten Tag bin ich noch mal allein hin, zu Raffaels Wandteppichen. Das war sehr bewegend. Die haben so eine Kraft!
Was hat Sie so berührt daran?
Zum einen Raffaels tiefe Verbundenheit mit anderen Künstlern wie Leonardo da Vinci. Und die gewebten Teppiche mit ihren goldenen und silbernen Fäden haben eine physische Qualität – wie eine Mischung aus Skulptur und Malerei. Die gehen mir nicht aus dem Kopf.
Könnten Sie sich vorstellen, so was selbst zu machen?
Klar, ich bin für alles offen.
© Little Dream Pictures
Verraten Sie uns das Geheimnis Ihrer glücklichen Familie.
Abgesehen von Justine, die eine großartige Mutter ist – wir lieben uns! Wir genießen es, zusammen zu sein. Wie neulich, da sind wir von Rom weiter nach München gefahren, in die Oper gegangen, in die Museen. Jetzt wollten die Kids was Sportliches in der Natur machen, also geht’s nach Colorado, wir fahren Ski und Snowboard, spielen Billard.
Zur bayerischen Hauptstadt scheinen Sie ein besonderes Verhältnis zu haben. Ihren ältesten Sohn haben Sie Ludwig genannt, Sie haben auch mal dort gewohnt. Was fasziniert Sie so an Bayern?
Mir gefällt das Körperliche, die Liebe zur Natur, die Freude am Leben – an geräucherter Forelle mit Kartoffelsalat und Weißbier. Ich liebe die Bilder von den Kühen mit Blumen um den Hals. Und die König-Ludwig-Fantasie habe ich schon immer geliebt. Ich habe mal mit Holzschnitzern in Oberammergau gearbeitet, dadurch bin ich überhaupt in die Region gekommen.
Genauso gern erzählen Sie von Ihrer Kindheit in Pennsylvania. Sind Sie so nostalgisch veranlagt?
Ich hatte eine wundervolle Kindheit, meine Schwester und ich sind in einer Familie voller Zuneigung aufgewachsen, da waren Großeltern, Onkel, Tanten, Vettern und Cousinen. Als ich mich für Kunst interessiert habe, haben meine Eltern mich immer unterstützt. Aber nostalgisch – nein. Mit 17 bin ich weggegangen und hatte nie das Bedürfnis, dort wieder dauerhaft zu leben. Meine Freunde hatten keinen Ehrgeiz. Ich wollte mehr: ein interessantes Leben. Damals habe ich auch angefangen, mich mit Philosophie zu beschäftigen.
Ich hebe auch die Eintrittskarten von Reisen auf. Das ganze Leben ist Anregung.
Jeff Koons
Ihr Vater hatte einen Möbelladen, in dem Sie zum ersten Mal Ihre Kunst gezeigt haben. Seine Leidenschaft war die Präsentation. Konnten Sie da von ihm etwas übernehmen?
Von meinem Vater habe ich Ästhetik gelernt: Wie man durch die Kombination bestimmter Farben und Texturen, durch Arrangements der Dinge im Raum Gefühle in Menschen erzeugen kann. Aber das Wichtigste, was ich von ihm gelernt habe, ist Sorgfalt. Immer aufmerksam zu sein, auch für den Effekt, den etwas auf andere haben kann.
Wann wussten Sie: Ich bin oder werde Künstler?
Mit drei habe ich angefangen, Kunst zu machen, habe Unterricht bekommen. Aber die Intensität des Schaffens, die habe ich das erste Mal erlebt, als ich die Inflatables gemacht habe, die scheinbar aufblasbaren Figuren. Da wurde mir klar, dass ich das auch für andere mache.
Denken Sie immer ans Publikum, wenn Sie Kunst machen?
So ein Bewusstsein wird oft als etwas Negatives dargestellt – als ob ein Künstler seine Werke immer nur für sich selbst schaffen sollte. Aber ich möchte meine Erfahrungen, meine Gedanken und Perspektiven mit anderen teilen, will nicht in einem Raum stehen und mit mir selbst reden. Ich freue mich auf andere! Auch andere Künstler, die regen mich an.

© imago/imagebroker/IMAGO/imageBROKER/Petr Svarc
Das haben Sie mal im Interview gesagt.
Echt?
Mit der Skulpturen-Serie „Made in Heaven“, in der Sie sich mit Ihrer damaligen Frau Cicciolina in sehr expliziten Sex-Positionen zeigten, avancierten Sie zum Bad Boy der Kunst.
Die Arbeit habe ich nicht gemacht, um zu schockieren. Mir ging es um den Dialog mit dem ganzen Leben, darum, sich selbst zu akzeptieren, angefangen beim eigenen Körper – was viele ja nicht können. Ich habe den intimen Akt in seiner Verletzlichkeit gezeigt, die Biologie, die Fortpflanzung, die Schönheit, Mensch zu sein. Es ist eine Art Adam-und-Eva-Szenario.
Sie sprechen häufiger darüber, wie Kunst den Menschen helfen soll, sich anzunehmen. Geht es Kunst nicht gerade umgekehrt darum, Leute herauszufordern, Dinge infrage zu stellen?
Ich bin sehr fürs Infragestellen. Aber ich musste mir früher selber sagen, dass ich okay bin, auch wenn ich nicht in New York aufgewachsen bin, nicht in Yale Kunst studiert habe, als Jugendlicher nicht in Museen gegangen bin. Das ist auch alles nicht relevant. Für die Begegnung mit Kunst musst du keine Bücher gelesen haben, kein Vorwissen mitbringen. Worauf es ankommt, ist, dass du mit deiner eigenen Lebenserfahrung mit dem Werk in ein Gespräch kommst.
Aber Sie sind ja dann als junger Mann nach New York gezogen. Dort haben Sie anfangs im Museum of Modern Art gejobbt, haben sich herausgeputzt und Mitglieder für den Freundeskreis geworben. Hat Sie das als Künstler beeinflusst?
Als Student in Chicago hatte ich einen Job im Museum of Contemporary Art, habe dort Ausstellungen aufgebaut, habe mich so finanziert. Das wollte ich in New York auch machen. Also habe ich jeden Tag im MoMa angerufen, aber sie hatten nichts für mich. Bis sie schließlich sagten: Okay, du kannst am Ticketschalter anheuern. Das hat mich natürlich gelangweilt. In meinen Pausen habe ich gemerkt, dass niemand am Membership Desk im Foyer Mitglieder wirbt. Also habe ich das, aus Langeweile heraus, getan. Ich hab’ ja Spaß an der Begegnung mit anderen.
Sie sind der geborene Verkäufer?
Als Jugendlicher bin ich von Tür zu Tür gezogen, habe Geschenkpapier, Schokolade, alles Mögliche verkauft. Dabei habe ich gelernt, die Menschen, wie sie sind, zu akzeptieren. Ich wusste ja nie, wie die Leute aussehen würden, die mir die Tür öffneten, wie es in ihrem Flur riechen würde, was für Möbel da stehen. Das hat mir geholfen, offen für alles zu sein – Farben, Material, alles.
Aber die Welt hat sich stark verändert. Heute würden die Leute Ihnen wahrscheinlich eher die Tür vor der Nase zuschlagen, statt Sie reinzulassen. Die Welt ist unoffen geworden.
Absolut. Aber es gibt immer noch Bereiche, in denen Offenheit herrscht. In Museen zum Beispiel. Umso wichtiger ist der Abbau von Hierarchien dort.
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