Nena fordert Missachtung des Hygienekonzepts

Manchmal ist das Leben seltsam. Sonntag zum Beispiel wird die bestätigte Presse-Akkreditierung für das abendliche Nena-Konzert per Mail zurückgezogen. Auf einer Freilichtbühne neben dem BER Flughafen soll sie auftreten. Aber: Es gäbe entgegen der vorherigen Zusage doch kein Presse-Kontingent, das Konzert sei ausverkauft.

Ein paar Stunden, irritierte Mails und Telefonate später die gegenteilige Info: Alles klar, Presse darf doch rein, zuschauen, sich anhören, wie Nena 2021 klingt, was sie zu sagen hat, nachdem ihr Instagram-Unterstützungspost für eine Querdenkendemo in Kassel im März viele Fragen aufwarf.

„Jeder kann frei entscheiden, ob er sich impfen lässt “, sagt Nena

Im Niemandsland hinter dem unbenutzten Terminal 5 haben die Veranstalter der Konzert-Reihe „Unter Freiem Himmel“ aus 15.000 Coca-Cola Kisten so genannte „Boxen“ in das Zuschauerareal gebaut, als Platzmarkierungen. Man ist stolz auf das Hygienekonzept, das, wie es auf der Homepage heißt, „jedem seinen eigenen kleinen VIP-Bereich, seine eigene Box und ausreichend Platz an der frischen Luft“ garantiert.

Innerhalb der circa 60 Zentimeter hohen, offenen Markierungen warten Liegestühle. Die Fans, gutgelaunte Ü40-Frauen, Freund:innencliquen, Familien, verteilen sich. Um 19 Uhr soll Nena loslegen. Doch das kratzt ein Unwetter nicht, das sich über Schönefeld zu wälzen droht.

Aus Sicherheitsgründen wird das Gelände geräumt, die Autofahrer:innen sitzen alles in ihren Vehikeln ab, die anderen drücken sich im S-Bahnhof herum. Vorbehaltlos akzeptieren sowohl Künstler:innen als auch Gäste diese Vorsichtsmaßnahme. Die Sturmwarnung ist um 20 Uhr aufgehoben, die Fans marschieren zurück.

Kurz darauf legt Nena los. Sie ist wie immer: Alterslose 61 Jahre, emotional, esoterisch, energetisch. Die Band rockt. In einer „VIP-Box“, deren VIP-Wirkung wegen der Getränkekisten angenehm unprätentiös ausfällt, singt ihre große Familie, in anderen tanzen Fanclubs, Nena-Ultras, die alles wissen: Warum Nenas Tochter nicht als Sängerin dabei ist? Na die weilt doch gerade im Urlaub, Mensch, in Italien. Gardasee.

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„Holt euch eure Freiheit zurück“, sagt Nena vor dem Song, „Nur geträumt“, ein Golden Oldie, der – wie sich zeigen wird – erste musikalische und dramatische Höhepunkt des Abends. Denn Nena bittet die Fans, nach vorne zu kommen, mit ihr zu feiern.

Die Fans kommen. Das sollen sie aber nicht, die Ordner:innen schicken sie zurück in die „Boxen“, von wegen „ausreichend Platz an der frischen Luft“ – die Einhaltung des Hygienekonzepts ist Voraussetzung dafür, dass dieses, dass andere Konzerte stattfinden dürfen. Dass in einer Zeit, in der sich die Covid-Delta-Variante auch bei Freiluftveranstaltungen (siehe Sportevents) wie bekloppt ausbreitet, größtmöglicher Schutz vor Ansteckung herrscht.

Sie spielt eine lange Version von “Leuchtturm”

Nena fordert nichtsdestotrotz weiter alle auf, sich ihr zu nähern, die Fans kommen wieder nach vorne, dichtgedrängt. Als Konsequenz bekommt Nena Ansagen vom Veranstalter: „Mir wird hier gedroht, dass sie die Show abbrechen“, sagt sie, „weil ihr nicht in eure Boxen geht“. Die Menschen vorne buhen. „Ich überlasse es in eurer Verantwortung, ob ihr das tut oder nicht, das darf jeder frei entscheiden. Genauso wie sich jeder frei entscheiden kann, ob er sich impfen lässt oder nicht!“ Ein Teil des Publikums jubelt.

Nena ist auf Krawall gebürstet. Sie unterläuft das Veranstaltungskonzept, verhält sich, als ob sie die Hygieneregeln, die sie mit der Zustimmung zu ihrem Auftritt angenommen hat, nicht beachten muss, als ob auch die Gäste nicht beachten müssen, wozu sie – ob sie es nun sinnvoll finden oder nicht – mit dem Zutritt auf das Gelände eingewilligt haben.

Die Vorsichtsmaßnahme wird, obwohl sie ebenso auf naturwissenschaftlichen Grundsätzen besteht wie Sturmwarnungen, von der Künstlerin und einigen Gästen ignoriert. Nena redet über den CSD, da seien schließlich auch 80 000 Menschen eng nebeneinander auf der Straße gewesen. „Also schaltet den Strom aus oder holt mich mit der Polizei hier runter – I don’t fucking care! Ich hab‘ die Schnauze voll!“

Nenas Freund Philip Palm kommt auf die Bühne, und hat anscheinend auch die Schnauze voll, er bittet alle, auf die zugeteilten Plätze zu gehen, damit nicht abgebrochen werden muss. Der Klüngel am Bühnenrand löst sich auf. Nena singt „Licht“ von ihrer letzten Platte, einem Album voller Mantras, die für den einen belanglos, für den anderen weise klingen mögen: „Wir kommen aus der Liebe“. Sie spielt eine lange „Leuchtturm“-Version, bedankt sich bei den Fans, zeigt sich gerührt. Sie legt eine Gedenkminute für die Opfer der Hochwasser-Katastrophe ein. Es beginnt, wieder stärker zu regnen.

Vor der Bühne ist es wieder eng, alle feiern, umarmen sich

Nena spielt „Wunder gescheh‘n“, mit der Zeile „wir dürfen nicht nur an das glauben, was wir sehen“, und das passt irgendwie auch zur Impfdebatte, zu beiden Seiten sogar. Viele Fans drehen sich um, fotografieren sich mit Nena im Hintergrund, stellen die Verbindung her. Schließlich hat sie ihnen gerade versichert, wie wichtig sie sind.

Vor der Bühne ist es wieder eng, alle feiern, umarmen sich, keine:r achtet auf die Ordner:innen, Nena feuert sie an. Es wird dunkel, das macht es noch schwerer, den Überblick zu behalten. Nena spielt „99 Luftballons“, kleine und große Ballons hüpfen über Bühne und Zuschauerraum: Der klassische Höhe- und Abschlusspunkt eines Nena-Konzerts. Eigentlich käme jetzt der Moment, an dem wir von der Bühne gehen, sagt Nena, und ihr uns wieder herausruft.

Doch das passiert nicht. Denn der Veranstalter bricht das Konzert ab – wohlgemerkt nach dem regulären Set, nachdem er lange versucht hat, auf die Vernunft der Gäste zu setzen, und alle Augen zugedrückt hat. Nenas Freund kommt noch einmal, spricht er ein paar Worte. Zwei Fans versuchen erfolglos, die Bühne zu stürmen. Aber das Konzert ist aus.

„Die Karten waren so teuer“, erbost sich eine Frau beim Rausgehen, andere verstehen das Verhalten des Veranstalters. Auf Twitter wird weitergestritten. Nein, Nena hat weder Corona noch irgendetwas anderes geleugnet, noch hat sie die Impfung tatsächlich in Frage gestellt. Aber sie hat sich nicht an Vereinbarungen gehalten. Und hat damit die Fakten und die Überzeugung der Gesellschaftsmehrheit, dass die Pandemie eine reelle Gefahr ist, nicht ernst genommen. Da kann sie noch so trotzig „selber denken“ fordern, noch so sehr auf Gemeinschaft pochen: Achtsamkeit sieht anders aus.

Korrektur: In einer ersten Version hieß es, das Ordnungsamt habe die Veranstaltung beendet. Laut Pressestelle des Ordnungsamts Schönefeld war dies allerdings die Entscheidung des Veranstalters.