Kinostarts der Woche: Ein Film wie ein Schlag in die Magengrube

Die großen Blockbuster und Namen sucht man diese Woche im Kino vergebens. Gelegenheit, der einen oder anderen kleineren Produktion eine Chance zu geben, wie „Tod meiner Jugend“ (Foto oben) über die Verarbeitung eines Kindheitstraumas, von und mit Timo Jacobs. Nach dem Film in Moll ist die Comedy mit ganz anderen Augen zu sehen.

1 Verflucht Normal

Nervös geht John in den Gängen des ehrwürdigen Holyrood Palace von Edinburgh auf und ab. Drinnen soll ihm von Königin Elisabeth II. der Orden des Britischen Empires verliehen werden. John hat Angst, die Zeremonie zu vermasseln. Nur durch gutes Zureden seiner Begleiterin Dottie geht er hinein und ruft ein laut hörbares „Fuck the Queen!“ ins Publikum.

John leidet am Tourette-Syndrom – einer neuropsychiatrischen Krankheit, die sich in Nerven-Tics äußert. Augenzucken, unwillkürliche Bewegungen und Laute gehören zu den Symptomen, sowie in manchen Fällen auch unkontrollierte Flüche, Beleidigungen und Obszönitäten.

Regisseur Kirk Jones nimmt sich der Biografie des Tourette-Aktivisten John Davidson an. Während der frühen 80er-Jahre wächst John in der schottischen Kleinstadt Galashiels auf. Als er im Alter von zwölf Jahren zur Oberschule wechselt, beginnen die Tics. Aufgrund seiner unflätigen Äußerungen wird er vom Schuldirektor gezüchtigt. Beim Essen beginnt er zu fluchen. Seine Mutter (Shirley Henderson) verbannt ihn vom Tisch.

15 Jahre später lebt der arbeitslose John noch im Elternhaus. Die Medikamente rauben mit starken Nebenwirkungen seinen Lebensmut. Dann trifft er auf seinen Schulfreund Murray (Francesco Piacentini-Smith). Dessen Mutter Dottie ist Krankenschwester in der Psychiatrie und mit dem Krankheitsbild vertraut.

Für Minuten im Tic-Modus beschimpfen

Kurzhand nimmt sie den jungen Mann in ihre Familie auf und umgibt ihn mit etwas, was John noch nie erlebt hat: Akzeptanz. Sie besorgt ihm sogar im örtlichen Gemeindezentrum einen Job als Assistent des Hausmeisters (Peter Mullan).

Schließlich beginnt er seine Arbeit als Tourette-Erklärer, macht Workshops, gründet Selbsthilfegruppen. Einer der schönsten Momente des Films findet auf der Rückbank eines Autos statt. Eine junge Frau mit Tourette-Syndrom trifft mit John zum ersten Mal auf einen Menschen, der auch an dieser Krankheit leidet. Die beiden sind so aufgeregt, dass sie sich für Minuten im Tic-Modus beschimpfen.

Die Szene ist prototypisch für den zärtlichen Humor des Films, der unter der komischen Oberfläche die Herzensangelegenheiten der Figuren verhandelt. (Martin Schwickert)

2 Solo Mio

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Antoine Toussaint hat keine Lust mehr und seinen Tod sorgfältig vorbereitet, beziehungsweise von seinem Manager vorbereiten lassen: von der Suite im schicken Genfer Hotel für die letzte Nacht bis zum Papierkram für den Schweizer Sterbehilfeverein.

Aber dann plumpst im TGV eine pinkfarbene Zumutung auf den freien Platz gegenüber. Dank Vicky – sie ist ein aus dem Gefängnis abgehauener, unablässig quasselnder Superfan auf Medikamenten – wird der berühmte Chansonnier fortan einfach nicht mehr die richtige Ruhe fürs Sterben finden.

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Erst recht nicht, als der mit ihm gealterte Manager und einzige Freund es versäumt, die vorbereitete Pressemitteilung zu verzögern, die sodann Toussaints Tod in die Welt posaunt. Ja, das klingt ziemlich unglaubwürdig, stimmt, und der dämliche deutsche Filmtitel macht es nicht gerade besser.

Aber wie so oft basteln die französischen Nachbarn aus kitschverdächtigen Zutaten eine schön struppige Feel-Good-Komödie, in der ordentlich was los ist. Ein Hoch auf Neuanfänge in allerletzter Minute! (Antje Scherer)

4 Tod meiner Jugend

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Dass der zentrale Protagonist in Pedro Pinhos ausuferndem Drama über einen NGO-Mitarbeiter in Guinea-Bissau nicht zu den interessantesten Figuren gehört, liegt in der Natur der Sache. Sérgio (Sérgio Coragem) ist nur der Türöffner in eine Welt, die sich über dreieinhalb Stunden in schillernden Vignetten und von kulturellen Vorteilen gezeichneten Machtkämpfen entfaltet.

Der Ingenieur stößt bereits verloren zu dem Infrastrukturprojekt in dem westafrikanischen Land hinzu. Er soll den indigenen Einwohnern die Bedeutung einer Straße nahebringen, die abgelegene Communitys mit der Hauptstadt verbinden wird.

Doch mit wem Sérgio auch spricht, keiner dankt den Portugiesen ihren selbstlosen Einsatz: weder die Dorfbewohner noch die jungen Stadtmenschen, mit denen er sich ins Nachtleben stürzt. Die Barbesitzerin Diára (Cleo Diára) und die nichtbinäre Drag-Queen Gui (Jonathan Guilherme) haben Europäer wie Sérgio kommen und gehen sehen.

Sie sind es, die Einblicke in ein Land gewähren, das dem durchreisenden Retter immer verschlossen bleiben wird. (Andreas Busche)