Kino-Highlight „Das geträumte Abenteuer“: Eine Westernheldin aus der goldenen Ära der Männer
Im bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzgebiet ist die Zeit versiegelt, seit 30 Jahren, seit Hunderten von Jahren. Männer und Frauen aus dem nahegelegenen Dorf Svilengrad buddeln im Staub und fördern mit Metalldetektoren uralte Münzen zutage, Objekte einer längst vergangenen Zeit.
Aber da ist noch etwas anderes konserviert, was erst der Fall des Eisernen Vorhangs sichtbar gemacht hat. Veska (Jana Radewa), die die Ausgrabungen leitet, hat diese Zeit erlebt, den Ort ihrer Kindheit früh hinter sich gelassen und ist nun zurückgekehrt. Sie hat viel gesehen, eine Überlebende, darum lässt sie sich so leicht nicht aus der Ruhe bringen.
Der andere Held in „Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach ist auch ein schweigsamer Einzelgänger. Doch Saïd (Süleyman Letifow) reitet nicht mit einem Pferd in Svilengrad ein, sondern sitzt hinter dem Lenkrad eines klapprigen Passat Kombi – welcher ihm in der ersten Nacht prompt gestohlen wird. Solche Schrottkisten werden hier für Schmugglereien geklaut, erklärt man ihm.
Die kriminellen Geschäfte sind einträglich, alles geht über die Grenze: Benzin, Geflüchtete, illegale Arbeitsmigranten wie die polnischen Frauen, die in einem leer stehenden Hotel untergebracht sind. Nichts geschieht hier ohne die Einwilligung der örtlichen Paten, zwischen denen sich gerade ein Territorialstreit anbahnt: selbst der Ausbau eines Schotterwegs hoch zur Ausgrabungsstätte.
Bulgarien ist immer noch der letzte Außenposten Europas
Seit die Autobahn gebaut wurde, ist dieser gottverlassene Flecken Erde noch etwas einsamer. Früher haben die Leute zumindest noch in Svilengrad Halt gemacht, beschwert sich ein alter Mann bei Saïd. Aber seit dem Bau der Schnellstraße fahren die Leute direkt weiter in die Türkei. Die Neonreklame des örtlichen Casinos leuchtet traurig und wenig einladend. Bulgarien ist auch in den 2020er Jahren der gefühlt letzte Außenposten Europas.
Die in Berlin lebende Regisseurin Valeska Grisebach erzählt keine Geschichten im klassischen Sinne. Sie beschreibt mit einem sehr genauen Blick für Landschaften, Menschen, Gesichter (denen man die gelebten Erfahrungen ansieht) und Gemeinschaften vielmehr soziale Texturen.
Dass man ihren Filmen den großen kulturellen Abstand, mit dem die Regisseurin auf diese Sujets schaut, nicht anmerkt, macht auch ihren erst vierten Film in 20 Jahren, der in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, zu einem seltenen Kleinod im europäischen Kino.
Die äußere Dramaturgie beruht hier nicht auf einem Plot mit Spannungsbögen, sondern auf Auslassungen. Und natürlich wird die Pistole in „Das geträumte Abenteuer“, altes Tschechow-Gesetz, irgendwann benutzt. Aber nicht so, wie man das vielleicht erwarten würde.
Der deutsche Film wählt zum Nachdenken über die gesellschaftlichen Verhältnisse bevorzugt (buchstäblich) naheliegende Orte wie Schwimmbäder, den Grillstand eines Tennisvereins oder die Nordseeinsel Amrum. Valeska Grisebach hat nach dem preisgekrönten Vorgänger „Western“ (2017) nun schon zum zweiten Mal in Bulgarien gedreht, jedoch nicht als Außenseiterin, sondern aus der Position einer teilnehmenden Beobachterin heraus.
„Western“ handelte von einer Gruppe deutscher Bauarbeiter, die für ein EU-Infrastrukturprojekt nach Bulgarien geschickt wurden. Der Film spielte mit den Genremotiven des Westerns, nur dass die Siedlungsbewegung diesmal in Richtung Osten verlief. „Das geträumte Abenteuer“ braucht diese Übersetzung für eine westliche Perspektive nicht mehr.

© dpa/John Locher
Irgendwann verschwindet der große Schweiger Saïd aus dem Film, seine Leerstelle füllt die sensationelle Jana Radewa mit ihrem abgehärteten, aber den Mitmenschen immer zugewandten Spiel. Veska begibt sich auf die Suche nach ihrem Freund und übernimmt kurzerhand mit einer anderen Frau aus dem Ort dessen Geschäfte, um Saïds Schulden zu begleichen.
„Das geträumte Abenteuer“ ist ein langsamer und gerade deswegen umso soghafter Film, der wie nur wenige andere deutsche Filme in der jüngeren Vergangenheit seinen Bildern vertraut, ganz zurückgenommen, fast lakonisch. Die Genres des Western und des Gangsterfilms sprechen aus seinen Stimmungen, aber Grisebach ist eine so genaue Erzählerin, dass sie diese Hilfsmittel nicht benötigt.
Die Gewalt, die in den beiden Genres angelegt ist, köchelt stets im Hintergrund, auch weil von den Körpern der Männer eine Grundaggression ausgeht. Dass sich Iliya, der Pate, nie selbst die Frage stellt, wie er in dieser Welt eine Tochter großziehen will, gehört zu den vielen fein beobachteten Widersprüchen, die Grisebach in der Schwebe belässt.