Im Spiel gegen Spanien geht es schon um alles: Das erste Finale für die deutsche Nationalmannschaft

Als Niklas Süle noch ein furchteinflößender Verteidiger war und nicht das Sinnbild für das deutsche Scheitern, da hat er ein kleines Loblied auf die Unterkunft der Nationalmannschaft während der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gesungen. „Ein Wahnsinnsquartier“ sei das wieder, in dem das deutsche Team gerade logiere.

Das Zulal Wellness Resort in Al-Ruwais liegt nicht nur fernab vom Schuss, es bietet auch einige Annehmlichkeiten, zum Beispiel einen direkten Zugang zum Meer. Eine Strandpromenade gibt es in Al-Ruwais leider nicht und damit folglich auch keine Laternen an der Strandpromenade, an die man sich als Bundestrainer für ein spontanes Foto mal locker-flockig anlehnen könnte.

Joachim Löw hat das im Sommer 2018 in Sotschi gemacht, wo die Nationalmannschaft während der WM in einem Wahnsinnsquartier mit direktem Zugang zum Meer logierte. Die Deutschen hatten das erste Gruppenspiel verloren, die Nation war in heller Aufregung, aber kurz vor der Partie gegen Schweden signalisierte Löw der irritierten Öffentlichkeit auf diese Weise, dass kein Grund zur Panik bestehe.

Von Hansi Flick, Löws Nachfolger als Bundestrainer, wird es keine Laternenfotos geben. Aber das heißt nicht zwingend, dass ihm und seiner Mannschaft vor Panik die Nerven flattern. „Ich gehe das Ganze eher positiv an“, sagte Flick am Tag vor dem WM-Spiel gegen Spanien, dem bisher wichtigsten für ihn als Bundestrainer. „Wir wissen, dass wir nicht die besten Voraussetzungen haben. Aber wir wissen auch, dass wir die Qualität haben, um zu gewinnen.“

Die Situation ist die gleiche wie vor vier Jahren: Die Deutschen haben ihr erstes Gruppenspiel verloren, mit einer weiteren Niederlage am Sonntag (20 Uhr, live im ZDF) gegen Spanien wäre das Ausscheiden wie 2018 schon in der Vorrunde zwar noch nicht besiegelt, ein Weiterkommen allerdings deutlich unwahrscheinlicher. „Es ist das erste Finale für uns bei dieser WM“, sagte Flick. Dementsprechend will er seine Mannschaft auf dem Platz erleben: Nur das Hier und jetzt zählt.

„Wir sind in einer Scheiß-Situation“, sagte Mittelfeldspieler Julian Brandt vor dem zweiten Gruppenspiel. „Aber es ist eine Chance, die ganze Stimmung wieder ein bisschen zu drehen.“

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Mal startete die Nationalmannschaft mit einer Niederlage in eine WM-Vorrunde. Beide Male siegte sie im zweiten Spiel.

Die Mannschaft hat das intern längst getan, hat sich in ihrem Wahnsinnsquartier zur Krisensitzung zusammengefunden, vieles angesprochen, was schiefgelaufen ist. Die Außenwelt aber ist nach wie vor skeptisch.

Das liegt nicht nur an der Niederlage der Deutschen gegen Japan; es liegt auch an dem Auftritt, den die Spanier beim 7:0 gegen Costa Rica hingelegt haben. Die ohnehin große Ehrfurcht vor ihnen ist dadurch eher noch ein bisschen größer geworden.

Gündogan (links) oder Goretzka? Das ist hier die Frage. Oder findet Hansi Flick Platz für beide?
Gündogan (links) oder Goretzka? Das ist hier die Frage. Oder findet Hansi Flick Platz für beide?
© Foto: dpa/Federico Gambarini

Die Spanier waren für die Nationalmannschaft und ihren Trainer Joachim Löw lange ein unerreichbares Vorbild. Ausgerechnet vor dem entscheidenden Vorrundenspiel werden nun Erinnerungen wach an schmerzliche Niederlagen. Gegen keine große Fußballnation warten die Deutschen so lange auf einen Pflichtspielsieg wie gegen Spanien. Zuletzt gewann das DFB- Team in der Vorrunde der EM 1988. Rudi Völler erzielte beim 2:0-Erfolg im Münchner Olympiastadion beide Tore.

Das letzte Aufeinandertreffen endete für die Deutschen vor zwei Jahren sogar mit einer 0:6-Niederlage. „Das ist die Vergangenheit. Die interessiert nicht“, sagte Flick am Samstag. „Morgen ist die Zukunft.“

Aber manchmal kann ein Blick in die Vergangenheit tatsächlich die Zuversicht stärken. Den beiden bisherigen Auftaktniederlagen bei einer WM-Vorrunde ließ die Nationalmannschaft jeweils einen Sieg folgen: 1982 schlug sie Chile 4:1 und zog am Ende sogar ins Finale ein. Vor vier Jahren in Russland bewahrte sie ein spätes Tor zum 2:1 gegen Schweden vor dem vorzeitigen Turnieraus. Und auch bei der EM vor anderthalb Jahren gewann die Nationalmannschaft nach der Auftaktniederlage gegen Weltmeister Frankreich ihr zweites Gruppenspiel (4:2 gegen Portugal).

Das ist Vergangenheit. Die interessiert nicht.

Bundestrainer Hansi Flick über die traditionellen Schwierigkeiten der Nationalelf mit Spanien

„Die Truppe kennt doch so eine Situation“, sagt Julian Brandt. Inklusive aller Begleiterscheinungen wie der nun wieder grassierenden Weltuntergangsstimmung und all der bilderstürmerischen Tendenzen.

Alles wird jetzt in Frage gestellt: die loyale Art des Bundestrainers („Ist Flick zu nett?“), das System, das Personal. Muss Flick auf Dreierkette umstellen? Wäre Joshua Kimmich die Lösung für die Problemzone rechts in der Viererkette? Braucht es nicht einen echten Mittelstürmer wie Niclas Füllkrug? Vor guten oder zumindest gut gemeinten Ratschlägen kann sich der Bundestrainer gerade gar nicht retten.

Flick ist lange im Geschäft, aber seitdem er in der ersten Reihe steht, hat er eine derart kritische Situation noch nicht erlebt. Behält er nun seine ruhige Hand? Oder wird er doch zittrig? „Das Letzte, was man dem Trainer vorwerfen kann, ist, dass er nicht klar mit uns redet“, sagte Kai Havertz.

Leroy Sané ist wieder fit

Flick kündigte an, dass gegen Spanien eine Mannschaft auf dem Feld stehen wird, „die wirklich weiß, um was es geht“. Wie diese Mannschaft aussehen wird, das behält der Bundestrainer naturgemäß möglichst lange für sich.

Sein Vorgänger Joachim Löw hat bei der EM vor anderthalb Jahren im zweiten Gruppenspiel exakt die gleiche Elf aufgeboten wie bei der Niederlage zum Start. In Russland bei der WM nahm er nach dem 0:1 gegen Mexiko vier Änderungen vor. Flick ist ähnlich wie Löw keiner, der alles leichtfertig über den Haufen wirft.

Änderungen wird es geben, das darf als sicher gelten. Vor allem in der Viererkette, für die Thilo Kehrer und/oder Matthias Ginter anstelle von Niklas Süle und/oder Nico Schlotterbeck in Frage kommen. „Das Schöne ist, dass man mehrere Positionen offen hat“, sagte Flick. „Das zeigt eine gewisse Qualität, die wir haben.“

Eine Umstellung auf Dreierkette hat der Bundestrainer schon ausgeschlossen, zumal Flick seine Mannschaft noch nie in diesem System hat spielen lassen, seitdem er im Amt ist. Die Versetzung von Joshua Kimmich auf die rechte Seite der Viererkette erscheint ebenfalls unwahrscheinlich, auch wenn sie Flick die Möglichkeit eröffnen würde, Ilkay Gündogan und Leon Goretzka gemeinsam im defensiven Mittelfeld aufzubieten.

Gegen Japan durfte Gündogan beginnen, was er mit seiner Leistung durchaus rechtfertigte. Goretzka wurde Mitte der zweiten Hälfte für ihn eingewechselt, was sich als eher weniger gute Entscheidung herausstellte. Aber Goretzka erhebt auch in der Nationalmannschaft den Anspruch auf einen Stammplatz. Zudem bildet er mit Kimmich beim FC Bayern eine eingespielte Doppelsechs.

Für Flick ist das ein Dilemma, das sich womöglich dadurch lösen lässt, dass er Gündogan eine Reihe vorschiebt auf die Zehnerposition. „Die können auch alle drei im Mittelfeld spielen“, sagte er. Thomas Müller müsste dann in den Sturm ausweichen. Oder auf die Bank, falls Flick Kai Havertz nach dessen eher überschaubarer Performance gegen Japan eine weitere Chance als Neuner geben will.

Dass Niclas Füllkrug nach zwei Kurzeinsätzen für die Nationalmannschaft gegen Spanien sein Startelfdebüt als Mittelstürmer feiern darf, ist nahezu auszuschließen. Ebenso, dass Leroy Sané nach seiner Knieverletzung gleich wieder von Anfang an spielt. Der Münchner konnte immerhin am Samstag am Abschlusstraining teilnehmen und ist damit eine weitere Option.

„Ich bin nicht unsicher“, sagte Hansi Flick mit Blick auf all die Entscheidungen, die er nun zu treffen hat. „Aber ich schlafe noch mal schön eine Nacht drüber. Morgen früh bin ich dann ein bisschen schlauer.“ Die Variante, dass er vor lauter Aufregung gar nicht erst würde schlafen können, die kommt für ihn natürlich nicht in Frage.

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