„Ich hatte auf mehr WM-Stimmung gehofft“: DFB-Team startet in die Vorbereitung – doch die Euphorie fehlt noch

Als Julian Nagelsmann und Rudi Völler das Podium in Herzogenaurach betraten, wirkten sie entspannt, aber fokussiert. Kurz zuvor hatten der Bundestrainer und der Sportdirektor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft noch zu den Spielern gesprochen, die nach und nach bis Mittag im sogenannten Homeground eingetroffen waren. „Ich habe ihnen gesagt, dass nicht irgendein Erfolg, den wir erringen wollen, unsere Aufgaben bestimmt, sondern die nächste Aufgabe entscheidend ist, wie erfolgreich es dann wird“, sagte Nagelsmann.

Zum vorerst letzten Mal vor einem großen Turnier versammelte sich die Nationalelf an diesem Mittwoch in Herzogenaurach. Bis zum Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft in Nordamerika sind es noch 16 Tage und die nächste Aufgabe, von der Nagelsmann sprach, heißt Finnland. Am Sonntag bestreiten die deutschen Fußballer das vorletzte Testspiel in Mainz. Spätestens dort wollen sie mit einer überzeugenden Leistung Euphorie im eigenen Land entfachen.

Denn davon ist aktuell noch nicht wirklich viel zu spüren, auch nicht in Herzogenaurach. Bei der Einfahrt zum Trainingsgelände hatten sich am Vormittag rund 20 Fans eingefunden, um Fotos mit den Spielern zu schießen und Autogramme zu sammeln. Darauf angesprochen, dass lediglich David Raum und Leroy Sané angehalten und sich Zeit genommen hätten, antwortete Völler: „Es wäre natürlich schön gewesen, wenn es ein paar mehr gewesen wären. Wir werden mit einigen Aktionen aber noch viele Menschen mitnehmen.“

Dass generell noch nicht so viel WM-Stimmung vorherrschen würde, findet Völler schade und etwas ungerecht. Immerhin habe man nach der Niederlage gegen die Slowakei im September überzeugende Siege eingefahren. „Deshalb hatte ich gehofft, dass schon ein bisschen Stimmung aufkommt. Wir haben aber auch noch Zeit und wollen jetzt nach vorne schauen“, sagte Völler.

Einen Teamspirit zu formen, ist im ersten Schritt eine Kadernominierung, das kann man beeinflussen. Und dann geht es darum, Spiele zu gewinnen.

Julian Nagelsmann, Bundestrainer

Der 66-Jährige und Nagelsmann setzen dabei einerseits auf einen erfolgreichen Vorbereitungsstart gegen Finnland und andererseits auf die anstehenden vier Tage in Herzogenaurach. Im Camp war es bereits vor zwei Jahren gelungen, innerhalb der Mannschaft einen großen Teamgeist zu entfachen, der bei der Heim-EM auf die deutschen Fans überschwappte. „Das ist das Wichtigste bei aller fußballerischen Qualität, die wir haben“, meinte Völler.

Julian Nagelsmann habe der Mannschaft am Mittwoch mitgegeben, dass man die nächsten Wochen „wie eine Familie“ sei. „Einen Teamspirit zu formen, ist im ersten Schritt eine Kadernominierung, das kann man beeinflussen. Und dann geht es darum, Spiele zu gewinnen“, sagte der 38-Jährige. „Jeder Einzelne im Staff oder dem Kader selbst ist verantwortlich, seinen Teil dazu beizutragen, dass wir ein Team werden.“ Dazu gehöre auch, dass man offen miteinander spreche und alle am selben Strang ziehen.

Zuletzt hatte der Bundestrainer selbst mit seiner Rückholaktion um Torwart Manuel Neuer nicht gerade mit transparenter Kommunikation geglänzt. So hatte die eigentliche Nummer eins, Oliver Baumann, erst ganz spät von seiner Degradierung erfahren. In der Folge war darüber gemutmaßt worden, dass sich ein solcher Vertrauensbruch negativ auf den Zusammenhalt im Team auswirken könnte.

Völler selbst weiß aus eigener Erfahrung, wie gefährlich innere Unruhe für eine Mannschaft werden kann. Der Weltmeister von 1990 erinnerte in Herzogenaurach daran, dass Deutschland bei der WM 1994 in den USA trotz großer individueller Qualität früh gescheitert war – nicht zuletzt wegen Spannungen innerhalb des Teams. „Damals waren wir eigentlich besser als 1990. Aber es hat in der Mannschaft nicht gestimmt“, sagte Völler. Zu viele Stars, zu wenig Einheit – eine Lehre, die er seither nicht vergessen hat.

Umso mehr setzen er und Nagelsmann darauf, dass Herzogenaurach bis zum Abflug nach Chicago am kommenden Dienstag erneut als Ort wirkt, an dem Zusammenhalt entsteht: „Das, was schon vor zwei Jahren hier geschaffen wurde – den Teamgeist zu fördern –, das wird fundamental sein.“

Angesichts der individuell stärker besetzten Nationen wie Frankreich, Spanien oder Argentinien ist dieser Teamgeist keine bloße Ergänzung, sondern eine Notwendigkeit. Das wissen Nagelsmann und Völler. Und genau deshalb ist Herzogenaurach nicht einfach ein Trainingslager – sondern der erste entscheidende Test auf dem Weg zur Weltmeisterschaft.