„Eindeutige antisemitische visuelle Codes“: Abschlussbericht zur documenta fifteen vorgelegt

Der Aufsichtsrat der documenta hat am Montag den Abschlussbericht der fachwissenschaftlichen Begleitung zum Antisemitismus-Skandal auf der documenta fifteen im vergangenen Jahr vorgelegt.

Danach besteht in dem Gremium unter dem Vorsitz der Frankfurter Friedens- und Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff Einigkeit darüber, dass vier Werke auf „antisemitische visuelle Codes verweisen oder Aussagen transportieren, die als antisemitisch interpretiert werden können beziehungsweise interpretiert werden müssen“. Die Weltkunstausstellung documenta fifteen fand vom 18. Juni bis 25. September 2022 in Kassel statt.

„Eindeutige visuelle antisemitische Codes“ finden sich laut dem Bericht in „People s Justice“ von Taring Padi und einer Zeichnung von Naji al-Ali, die in den „Archives des luttes des femmes en Algérie“ dokumentiert ist. Die Werke „Tokyo Reels“, „Guernica Gaza“ und weitere Zeichnungen und Landkarten in den „Archives des luttes des femmes en Algérie“ könnten zudem „als antisemitisch im Sinne eines israelbezogenen Antisemitismus interpretiert werden“.

Dagegen seien die Einschätzungen bezüglich der Zeichnungen Burhan Karkutlis in den „Archives“ und „Guernica Gaza“ nicht ganz deckungsgleich. Eine Interpretation als antisemitisch erscheine jedoch allen Mitgliedern in diesen Fällen ebenfalls gut begründbar.

Nach dem Bericht „traf der sich lange ankündigende Konflikt um Antisemitismus intern auf unzureichende Vorbereitungen“. Klare Verantwortungsstrukturen hätten ebenso gefehlt wie Verfahren der Konfliktbearbeitung.

Reaktion der Leitung sei nicht angemessen gewesen

Die Reaktionen der künstlerischen Leitung und der Geschäftsführung seien dem Ernst der Lage nicht angemessen gewesen, kritisiert das Wissenschaftlerteam weiter. Dabei hätten öffentliche Kulturinstitutionen die Pflicht, sich mit antisemitischen Vorfällen auseinanderzusetzen. „Dieser Pflicht steht die Kunstfreiheit nicht entgegen.“ Die zögerliche Reaktion der documenta-Verantwortlichen auf die Antisemitismus-Vorfälle sei für die jüdische Community verstörend gewesen.

Als Konsequenz schlägt das Gremium unter anderem eine Verständigung auf Definitionen für und Standards des Umgangs mit Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung vor sowie eine Stärkung der inhaltlichen Kompetenzen der Geschäftsführung.

Auch müssten der Aufsichtsrat der Weltkunstschau um Mitglieder aus dem Kunst- und Kulturbereich erweitert und ein Beschwerdemanagement installiert werden.

Der Kasseler Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende Christian Geselle (SPD) und seine Stellvertreterin, die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne), nannten den Abschlussbericht der Wissenschaftler eine „fundierte und tiefgreifende Analyse der Vorkommnisse“.

Der Aufsichtsrat begrüßte vor allem die „klare Einordnung der kritisierten Kunstwerke und die Hinweise zum Spannungsfeld zwischen grundgesetzlich geschützter Kunstfreiheit und gleichzeitig verantwortlichem Umgang mit antisemitischen Darstellungen in diesem Zusammenhang“.

Die Vorschläge und Empfehlungen der sieben Beiratsmitglieder seien „wertvoll und weiterführend“ und sollten in die von den beiden Gesellschaftern der documenta gGmbH, der Stadt Kassel und dem Land Hessen, angestrengten Organisationsuntersuchung einfließen. (epd)

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