Das Prinzip Hoffnung

Praed Orchestra!: „Live in Sharjah“ erscheint bei Morphine, Raed Yassin: „Archeophony“ bei Akuphone.

Auch für Raed Yassin war 2020 ein Jahr zum Vergessen. So gut wie alle seine Auftritte wurden coronabedingt abgesagt. Unter dem Namen Praed Orchestra! hat er eben erst eine gigantische Platte herausgebracht, ein Dreifach-Live-Album mit dem Titel „Live in Sharjah“, eingespielt mit einer 13-köpfigen Bigband. Vier Auftritte in Europa hätte es mit der riesigen Combo im letzten Spätsommer geben sollen, einen davon auch in Berlin. Musste alles ausfallen.

Trotzdem ist Yassin gerade im Stress. In ein paar Tagen hätte in Athen eine Inszenierung von ihm gezeigt werden sollen, „eine Art Rockmusical“, wie er erklärt. Mit ausgestopften Tieren, die Lieder über den Tod singen. Klingt speziell. Aber auch in Athen wütet Corona, und der Kulturbetrieb liegt brach. Die Performance wurde gefilmt und soll gestreamt werden. Yassin muss noch die Online-Vorführung vorbereiten. Und das Prinzip Hoffnung bleibt ihm ja erhalten.

Nächstes Jahr soll alles besser werden. Für das 70-jährige Jubiläum der Berliner Festspiele im März bereitet er gerade mit seiner Frau, die ebenfalls Künstlerin ist, eine Performance vor. Irgendetwas mit Robotern, erklärt er. Außerdem hat das Ensemble Neue Vocalsolisten Stuttgart bei ihm gerade eine Komposition für zwei Stücke bestellt.

„Im Westen verläuft das Wissen horizontal“

Es ist schwer, den Überblick zu behalten über das enorm breite Spektrum, das der 41-jährige Yassin, der vor drei Jahren von Beirut nach Berlin gezogen ist, beackert. Er hat Kontrabass studiert, einen akademischen Abschluss als Schauspieler und Theaterregisseur und arbeitet nun vornehmlich als bildender Künstler und Musiker.

Nebenbei lässt er im Gespräch in seinem Charlottenburger Studio fallen, dass er früher auch noch Gedichte geschrieben habe, drei Bücher habe er veröffentlicht. Aber das sei vorbei, sagt er: „Ich glaube, manches kann man auch wieder verlernen. Und ich befürchte, mit dem Schreiben geht es mir so.“ Aber er lese immer noch gerne Poesie. Arabische Gedichte, er nennt aber auch Namen wie Georg Trakl, Paul Celan, Goethe und Hölderlin, mit deren Werken er sich beschäftige.

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Sein Universalinteresse sei kulturell bedingt, glaubt er. „Wenn man Nietzsche, Kant oder Heidegger liest, ist da ein totaler Fokus auf ein bestimmtes Thema spürbar. Die arabischen Philosophen dagegen hatten alle auch ein Interesse an Medizin, Religion, Astronomie, Algebra und Chemie. Im Westen verläuft das Wissen horizontal, in arabischen Ländern eher vertikal. Ich sage nicht, das eine ist gut, das andere schlecht, ich stelle nur fest.“

Auch musikalisch lässt sich Yassin nicht festlegen. Er spielt Kontrabass, bedient elektronische Geräte, macht sogenanntes Turntablism, bei dem Schallplatten manipuliert werden, und er singt. Eben hat er auch noch die Soloplatte „Archeophony“ veröffentlicht, die all seine musikalischen Fähigkeiten auf einem Album vereint. Den Kontrabass stellt er zum Spielen auf einen Stuhl und bearbeitet die Saiten mit Metallstäben, Glöckchen oder Papier.

Die als Suite angelegte Platte ist ein Höllentrip

Yassins Background ist Jazz und frei improvisierte Musik, aber auch arabische Klangkunst. Mit dem Praed Orchestra!, einer Erweiterung seines Duos Praed mit dem in Bern lebenden Klarinettisten Paed Conca, hat er seine grenzenlose Soundwelt nun auf einen Nenner gebracht. Auf dem Album, das vor drei Jahren bei einem Konzert in der Sharjah Art Foundation in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgenommen wurde, kommt alles zusammen.

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Die Rhythmen ägyptischer Shaabi-Musik, die Hyperbeats des Mahraganat, einer Art elektrifizierter Shaabi-Musik, Jazz und Neue Musik. Die als Suite angelegte Platte ist ein Höllentrip. Sie lädt mal zum extatischen Tanzen ein, dann verstört sie mit leiernd, psychedelischen Synthiesignalen. Es klingt mal wie auf einer Hochzeitsfeier in Kairo, dann wie ein avantgardistischer Auftritt bei einem Jazzfest.

Der logistische Aufwand für das Album sei enorm gewesen, sagt Yassin. Praktisch jeder Musiker sei aus einem anderen Land eingeflogen worden. Und jeder von ihnen habe einen anderen musikalischen Hintergrund, von Jazz bis experimentellem Rock. Dann wurde gemeinsam eine Woche lang in Sharjah geprobt und das Konzert gegeben. Dass alles so gut harmoniere, überrasche ihn selbst.

Nun lebt Yassin in Berlin. In den fast 20 Jahren davor hat er sich nicht nur im Libanon, sondern im ganzen Mittleren Osten einen Namen als führende Figur der dortigen experimentellen Musik gemacht. Kurz nach der Jahrtausendwende gründete er das „A“ Trio, „die erste Improvgruppe im Mittleren Osten überhaupt“, wie er sagt.

Er gründete ein Festival für experimentelle Musik

„Davor gab es dort in diesem Bereich gar nichts. Am Anfang war das für die Leute, die unsere Konzerte besucht haben, wie ein Witz. Was machen die denn da? Der bespielt die Saiten seines Instruments mit einer Gabel? Er klopft auf das Holz der Gitarre oder des Basses?“ Yassin gründete dann auch noch ein Festival für experimentelle Musik, das es heute immer noch gibt.

In diese Zeit zurück reichen seine Kontakte mit der Berliner Jazz- und Improvszene. „Ich haben schon damals viele Musiker aus Berlin auf unser Festival eingeladen“, erklärt er. Damals arbeitete er nebenbei noch in einem Plattenladen, dem laut Yassin größten im ganzen Mittleren Osten, „manche Kunden kamen aus der Türkei zu uns angereist“.

Yassin war darin zuständig für die Jazz-Abteilung, die so exquisit gewesen sein muss, dass er für sie sogar die speziellen Aufnahmen aus der Berliner Improvisationsszene einkaufen durfte. „Es herrschte damals eine Stimmung der Hoffnung im Libanon“, so Yassin, „zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg wurde viel investiert in das Land, es war plötzlich Geld vorhanden. Und die Leute haben zu der Zeit noch CDs gekauft.“

Die Lage in seiner alten Heimat hat sich geändert

Inzwischen ist die Lage in seiner alten Heimat eine völlig andere. „Es gibt Korruption und eine hohe Inflation. Man bekommt nicht einmal in der Bank so viel Geld, wie man möchte, sondern nur einen bestimmten Betrag im Monat – und den auch nur in libanesischer Währung.“

Und vor kurzem gab es auch noch die katastrophale Explosion im Hafen von Beirut, als fast 3000 Tonnen Ammoniumnitrat in die Luft gingen, die dort vor sich hinrotteten. „Ich weiß gar nicht, wie die Leute dort noch leben können“, sagt Yassin. Er sei nun nach Berlin gezogen, um sich besser auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Und um leichter an Künstlervisa heranzukommen. Er sei schließlich ständig irgendwo in der Welt unterwegs und mit einem libanesischen Pass sei das eine schwierige Sache. Nächstes Jahr, so hofft er, braucht er wieder ganz viele dieser Visa.