Camus-Verfilmung „Der Fremde“: Bilder wie aus einem Fiebertraum
Frankreich habe ein Lächeln auf die heruntergekommenen Fassaden der Kasbah gezaubert, schwärmt der Imagefilm aus der tiefsten Kolonialzeit. Die Archivbilder zeigen Pariser Flair in den Straßen von Algier, die Hauptstadt ist nach französischem Vorbild in die Höhe gewachsen. Zwischen Cafés und der importierten Architektur vibriert diese „untrennbare Mischung aus westlichem und arabischem Leben“, so das Voiceover. Dazu blicken algerische Männer skeptisch in die Kamera. In der letzten Einstellung prangt noch ein Graffito auf der Wand: „Algerien Freiheitsfront“. Unruhige Zeiten. Aber noch ist der Status quo intakt.
Der Mann, der am Anfang von „Der Fremde“ in die Gefängniszelle geführt wird und nicht die Sprache seiner Zellengenossen spricht, hat „einen Araber“ getötet. Aber das ist nicht das Verbrechen, für das ihn die französische Justiz, die über Recht und Ordnung im Algerien der 1930er Jahre wacht, anklagt.
Er hat mit derselben Teilnahmslosigkeit, mit der er fünf Kugeln auf den jungen Moussa feuerte, zuvor an der Beerdigung seiner Mutter teilgenommen. Meursault (Benjamin Voisin) vergießt keine Tränen, während des Prozesses gesteht er, keine Reue zu verspüren, nur Langeweile. Sein Verteidiger versucht noch zu beweisen, dass doch ein Herz in diesem leblosen Körper schlägt. Aber Meursault ist nicht zu retten.
Blind für das koloniale Unrecht
Fast sechzig Jahre nach Luchino Visconti hat François Ozon den Klassiker von Albert Camus mit seiner wechselhaften Rezeptionsgeschichte, in dem die einheimische Bevölkerung nur als anonyme Figuren vorkommt („Araber“), noch einmal verfilmt. Sein Meursault bewegt sich mit aufreizendem Desinteresse durch die Straßen von Algier, in denen sich die Leben von Arabern und Franzosen, entgegen der französischen Selbstdarstellung, nie vermischen. Er selbst lebt zwischen den Welten.
Meursault ist sich des kolonialen Unrechts um sich herum möglicherweise bewusst – Camus registriert die gesellschaftlichen Verhältnisse als neutraler Beobachter –, aber es tangiert sein Leben nicht. Seine menschlichen Interaktionen basieren nicht auf Austausch, weder von persönlichen Vorteilen noch von Gefühlen, sondern auf einer natürlichen Ordnung. Meursault existiert außerhalb sozialer Normen, ein Beobachter.
Ozon belässt diese archetypische Figur in ihrer selbst gewählten Isolation, darin folgt er der Vorlage. Benjamin Voisin spielt Meursault mit kühler Unbeteiligtheit, die sich jeder Psychologisierung verweigert. Die konturierte Schwarz-Weiß-Fotografie von Manuel Dacosse, die die Schatten in Schwärze hüllt und im Kontrast die Sonne umso gleißender strahlen lässt (auch im Moment der tödlichen Schüsse), besitzt eine geradezu abstrakte Qualität. Sie hält auch den Protagonisten auf Distanz. Voisins chamäleonhafte Jugendlichkeit, seine auffallend generische Attraktivität, macht ihn zu einem perfekten Mann ohne Eigenschaften.
Die „Araber“ bekommen Namen
Doch schon mit dem Archivmaterial zu Beginn macht Ozon deutlich, dass ihn die Leerstellen und blinden Flecken der Vorlage interessieren. Dabei geht es ihm nicht um eine Neuinterpretation des Stoffes; weil Ozon ein gewissenhafter Vielfilmer ist, hat er den Geist der Vorlage auf bewundernswerte Weise bewahrt.
Er sucht aber einen eigenen Zugang zu Camus’ Figuren. Dem Totalverweigerer Meursault, der von einer unergründlichen Leere gesteuert wird. Seinem grobschlächtigen Nachbarn Sintès (Pierre Lottin), für den er einen Mord begeht. Und Marie, die im Roman nicht mehr als eine Love Interest verkörpert, einen blinden Spiegel für Meursaults emotionale Nichtverfügbarkeit.