Alena Schröders Roman „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel.“: Die Kunst des Malens und Übermalens
Wenn man so will, ist eine kleine Leinwand die heimliche Hauptfigur in Alena Schröders neuem Roman. Eine Leinwand, die immer wieder übermalt wird und im Buch eine übertragene Bedeutung hat. Denn die Übermalungen stehen letztlich auch für die verschiedenen Schichten, aus denen sich unsere Leben zusammensetzen. Zwar können wir durch neue Erfahrungen die alten Prägungen immer wieder überschreiben, doch die frühen Erlebnisse bleiben trotzdem da, wie die Autorin zeigt, und wirken untergründig weiter.
„Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ ist der dritte Band von Schröders Familien-Trilogie über mehrere Generationen. Von einer literarischen Höhenakrobatik kann auch im Fall dieses dritten Teils keine Rede sein, aber Schröders Geschichte enthält viel Spannung, ist eingängig und unterhaltsam, gut komponiert, mit einigen starken Figuren, allerdings nicht immer ganz klischeefrei.
Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt, immer wieder springt die Autorin zwischen ihren beiden Geschichten und damit auch zwischen mehreren Zeitebenen. Dabei sind beide Plots miteinander verwoben, und hier spielt wiederum die Leinwand mit den vielen Farbschichten eine Rolle.
In einem der beiden Erzählstränge führt uns Schröder in die Jetztzeit: Im Jahr 2023 ringt in Berlin die junge Hannah Borowski mit sich und ihrem Leben. Ihre Mutter und Großmutter sind gestorben, zum Vater hat sie keinen Kontakt. Als ihre Mitbewohnerin Rubi ihr offenbart, dass sie schwanger ist und ausziehen will, bricht für die 34-Jährige eine wichtige Leitplanke ihres Alltags weg. Mit Rubi verbindet sie nicht nur eine enge Freundschaft, sondern ein Stück Vergangenheit: Mit ihr zusammen hatte sie nach einem Ölgemälde gefahndet, das Hannahs Großmutter Evelyn gehörte und nun verschollen ist – die Suche blieb ohne Erfolg.
Nach Rubis Auszug muss die 34-Jährige mit einer weiteren Überraschung klarkommen: Hannahs Vater, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, nimmt plötzlich Kontakt zu ihr auf, nachdem er sich jahrelang nicht um seine Tochter gekümmert hat. Warum er sich jetzt mit einem großen Blumenstrauß bei Hannah einschleimen will, bleibt lange offen, aber schnell wird klar, dass er ziemlich routiniert lügt.
Auf zwei Ebenen erzählt, 1945 und 2023
Im zweiten Erzählstrang geht Alena Schröder weiter zurück, ins Jahr 1945: In den letzten Kriegstagen ist die 14-jährige Waise Marlen in der Nähe von Güstrow allein unterwegs. Ihre Mutter hat sich zusammen mit ihrem kleinen Sohn aus Angst vor den Russen in der Peene ertränkt, Marlen konnte sich rechtzeitig aus dem Wasser retten. Wilma Engels, eine etwas bärbeißige Malerin, nimmt Marlen in ihrem abgelegenen Haus bei sich auf. Dass Marlen auf ihrer Flucht ein kleines Bild gefunden und an sich genommen hat, verschweigt das zurückhaltende Mädchen der energischen Hausherrin.
Später wird Wilma im Sozialismus eine gefragte Künstlerin sein. Lange stand sie im Schatten ihres Mannes, der seinerseits einst ein berühmter Maler war. Doch Jon, der spät eingezogen wurde, kommt zunächst nicht aus dem Krieg zurück. Seine Abwesenheit ist Wilmas Chance, ermöglicht ihr die eigene Karriere. Bei ihr geht Marlen, die ausgesprochen begabt ist, voller Elan in die Lehre.
Doch bald kann sie sich von ihrer Meisterin nichts mehr abschauen: Wilma erblindet zunehmend und muss aufhören zu malen. Allerdings ergibt sie sich nicht in ihr Schicksal: Fast manisch arbeitet sie weiter, indem sie der Schülerin ihre Bilder in den Pinsel diktiert. Sie gibt Anweisungen, Marlen führt sie aus.
Die Szenen, in denen Marlen das kreative Ruder übernimmt, gehören zu den schönsten im Roman. Jetzt haben sich die Machtverhältnisse umgekehrt: Die Star-Malerin ist auf ihren Lehrling angewiesen, Marlen wird sozusagen Wilmas Ghostpainter.
In der Kunstgeschichte gibt es immer wieder Beispiele dafür, wie berühmte Maler ihren Assistenten die Ausführung ihrer Bilder oder zumindest Teile überlassen haben, von Peter Paul Rubens bis Jeff Koons. In Schröders Roman geht es vor allem um körperliche Hilflosigkeit, die Abhängigkeiten schafft. Ohne Marlen würde es kein Bild mehr von Wilma Engels geben. Die junge Frau wiederum ist an Wilma, ihre einstige Retterin, gebunden – Dankbarkeitsschulden nennt man so etwas.
Das Ringen um Selbstbestimmung ist ein zentrales Thema im Roman, es ist für Marlen und Wilma wie auch für Hannah eine Lebensaufgabe. Marlen und Hannah müssen sich vor allem von ihren komplizierten Familiengeschichten emanzipieren und eigene Wege finden. Damit das Gepäck der beiden Hauptfiguren nicht allzu schwer wiegt, streut Schröder immer wieder Humor in ihren Roman ein.
In einer Szene steht Hannah am Grab ihrer Großmutter und denkt an die beiden Verstorbenen, ihre flippige Mutter und die strenge Oma. Die beiden Frauen waren völlig unterschiedlich und haben häufig gestritten. Jetzt sitzt jede auf ihrer Wolke, und die Frauen können nicht anders, als sich auch im Himmel kräftig zu zoffen – dieses Mal über Hannahs abwesenden Vater.