Absolute Resolve, Desert Storm, Operation Neptune: Was die Namen militärischer Operationen verraten
Namen, erklärte einst ein gewisser Faust, seien nichts als Schall und Rauch. In einer Art religiöser Bekenntnisrede wollte er das Wort Gott vermeiden. Für die Bezeichnung militärischer Operationen, wie sie mit der modernen Kriegsmaschinerie des 20. Jahrhunderts aufkamen, ist seine Behauptung indes sowohl wörtlich zu nehmen wie denkbar falsch.
Vom Unternehmen Alberich, dem Rückzug deutscher Truppen von der Westfront auf die Siegfriedstellung im März 1917, bis zur Operation Absolute Resolve, mit der die USA gerade den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Frau unter Tötung von rund 80 seiner Sicherheitskräfte entführten, stehen ihre Namen für Lärm und Pulverdampf. Zugleich üben sie sich in blumiger Selbstermächtigung, schicksalhafter Sinngebung und göttlicher Legitimation.

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In allen Varianten laden sie die Opferbereitschaft des Einzelnen mit kollektiver Bedeutung auf. Wenn sie, wie seinerzeit im Ersten Weltkrieg, mit Alberich den tarnkappenbewehrten Hüter des Nibelungenhorts bemühen, projizieren sie es in die germanische Mythologie. Wenn sie, wie in Venezuela, an bedingungsloses Heldentum und zeitlose Lösungen appellieren, berühren sie schon das Martialische zeitgenössischer Videospiele, die vom Luftangriff bis zum Nahkampf Schlachten in historischen Kulissen nachstellen, eben darin aber auch neue vorwegnehmen.
Ego-Shooter wie „Call of Duty“ oder „Hell Let Loose“ sind im Zweiten Weltkrieg angesiedelt. „Six Days in Fallujah“ setzt die Operation Phantom Fury während der US-Besatzung des Irak im November 2004 als ultrarealistischen Häuserkampf in Szene. Wirkliches und Virtuelles gehen dabei eine Liaison ein, die sich aus entgegengesetzter Perspektive in den Distanzkriegen unserer Zeit nachzeichnen lässt.
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Auffällig ist jedenfalls, dass die Namen der Operationen alles, was jenseits von bloßem Söldnertum zum soldatischen Selbstverständnis gehört – Werte wie Loyalität, Ehre, Pflicht, Mut und Integrität – weitgehend mit nichtmenschlichen Programmen überschreiben. Das mag damit zu tun haben, dass die Motive, sich einer Berufsarmee anzuschließen, einen eingeschalteten Kopf erfordern, während gezielte Kampfeinsätze auf x-mal eingeübten, automatisierten Prozessen beruhen.
Neben dem Wunsch, der Öffentlichkeit eine politische Botschaft zu übermitteln, steckt in der Entmenschlichung also auch ein Stück Identifikation mit etwas, das zumindest Berufssoldaten im Einsatz nicht mehr sind, aber auch nicht mehr sein dürfen. In Bezug auf Naturgewalten lässt sich das sowohl als Regression als auch als Transgression beschreiben. Fast alle Unwetter dieser Welt haben auf diese Weise Eingang in die Bezeichnung militärischer Operationen gefunden. Unvergessen der Desert Storm im zweiten Golfkrieg 1991, in dessen Verlauf US-Truppen auf Bagdad vorrückten, legendär die Operation Rolling Thunder, mit der die USA 1965 in den Vietnamkrieg eintraten.
Als militärisches Meisterstück gilt die indische Operation Black Tornado in Mumbai, bei der die aus Neu-Delhi eingeflogene National Security Guard mehrere Hotels und den größten Bahnhof der Stadt aus der Gewalt pakistanischer Terroristen befreite. Ein historisches Paradigma liefern die unter dem Namen Operation Hurricane durchgeführten britischen Luftangriffe auf Duisburg, Köln und Braunschweig im Oktober 1944. Als Inbegriff der nahöstlichen Zeitenwende klingt einem überdies noch die blutige Al-Aqsa Flood von Hamas-Brigaden am 7. Oktober 2023 in den Ohren.
Löwen, Schlangen, Skorpione
Unter das Nichtmenschliche fällt auch die Bezugnahme auf Raubtiere und andere Bestien. Israels Beitrag zum letztjährigen Zwölftagekrieg gegen den Iran firmierte als Operation Rising Lion. Das herrschaftliche Gebaren des Löwen konkurriert mit weniger edlen, gleichwohl ebenso gefährlichen Wesen wie der Schlange, die 2006 im Irak der Operation Desert Snake den rechten US-Biss geben sollte, oder dem Stacheltier, das die Iraker im selben Jahr mit der Operation Scorpion in der Region Kirkuk losließen.
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Die Onomastik, die Wissenschaft von der Namensgebung, verhindert sicher keine Kriege. Aber indem sie die Sensibilität für die dahinterstehenden Ideen und Ideologien schärft, trägt sie vielleicht das ihre dazu bei, der Sprachverrohung, die zu allen politischen Konflikten gehört, etwas entgegenzusetzen.