Historikerin Jill Lepore bei der Frankfurter Buchmesse: „Wir dürfen nicht vor dem KI‑Staat kapitulieren“

Die Frankfurter Buchmesse hat sich dieses Jahr angesichts der Herausforderungen, vor denen die Buchbranche steht, das zwar etwas sehr allgemein gehaltene, aber schon auch treffende Motto „This Changes Everything“ gegeben. Womöglich sind die Messeverantwortlichen von Naomi Kleins Buch „This Changes Everything“ inspiriert worden. Dieses trägt den Untertitel „Capitalism vs. The Climate“, Kapitalismus gegen Klima. Im Fall der Buchmesse könnte es lauten: Buchbranche gegen Künstliche Intelligenz.

Dass sich gerade auf dieser 78. Frankfurter Buchmesse alles ändert, spürt man auch beim Personal: Für Buchmessendirektor Jürgen Boos ist die Messe die letzte, die er leitet. Nach 21 Jahren verlässt er seinen Posten. Und der Börsenvereinsvorsteher des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, kommt nach seiner Wahl 2025 und seinem Messedebüt in Leipzig zum ersten Mal den Pflichten als solcher in Frankfurt nach, vor allem als Redner auf den Bühnen von Preisverleihungen und Eröffnungszeremonien.

War Guggolz am Abend der Verleihung des Deutschen Buchpreises im Frankfurter Römer noch weitestgehend entspannt – nichts schöner als eine Auszeichnung wie diese, die auch auf dem Buchmarkt funktioniert –, so hört sich das einen Tag später bei der traditionellen Eröffnungspressekonferenz der Buchmesse ganz anders an: sorgenvoller, dringlicher.

Tiefgreifende Veränderungen

Die Branche steht unter großem, nicht nur ökonomischem Druck und hat, schneller als gedacht, tiefgreifende Veränderungen vor sich, gegen die die Digitalisierung fast ein Klacks war. Doch zunächst betont Guggolz, wie groß die Liebe zum Buch weiterhin sei. Das würde man die nächsten Tage wieder sehen. Aber dann leitet er auch schon über zu der sinkenden Lesekompetenz bei den jüngeren Generationen.

06.10.2026, Hessen, Frankfurt am Main: Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, spricht bei der Eröffnungspressekonferenz zur Frankfurter Buchmesse 2026. Die 78. Frankfurter Buchmesse wird mit einem Festakt offiziell eröffnet. Ehrengastland im Jahr 2026 ist Tschechien. Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

© dpa/Andreas Arnold

Guggolz erwähnt die jüngste Pisa-Studie, nach der ein Drittel der 15‑Jährigen in Deutschland nicht ausreichend lesen könne, und demnach auch die Buchkäufe der 10- bis 15-Jährigen um 30,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen seien. „Wir können diese Entwicklung nicht schulterzuckend hinnehmen. Die rückläufige Lesekompetenz kann nicht vom Siegeszug der KI, die uns beliebig abgerufene Antworten liefert, kompensiert werden. Im Gegenteil: Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen kann, kann eine KI-Antwort überhaupt nicht mehr überprüfen. Ihm oder ihr bleibt nur noch, diese vorgefertigte Antwort zu glauben.“

Lesekompetenz und Medienkompetenz, fordert Guggolz, müssten als „bildungspolitische Priorität“ verankert „und über die Bildungspolitik hinaus im Bereich der Wirtschaft, der Forschung und der lebendigen Gesellschaft als unabdingbare Voraussetzung für das weitere Leben eingefordert werden“. Seine Vorschläge: eine tägliche Leseviertelstunde im Unterricht als Pflichtaufgabe und die Einführung von Medienkompetenz als Pflichtfach.

KI stiehlt unsere Bücher und unsere Denkfähigkeit

Danach kommt er zum „doppelten Raubzug“ von KI an „unseren Büchern und unserer Denkfähigkeit“. Weil die KI-Unternehmen nur unzulänglichen Regeln unterworfen sind, fordert Guggolz „ein schnelles und entschiedenes Eingreifen der Politik“ und „eindeutige Regeln“.

Der Börsenverein habe deshalb einen inzwischen von 120 Verlagen unterzeichneten „Frankfurter Appell“ an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung veröffentlicht. In diesem werden Transparenz über die für KI-Trainings genutzten Werke, faire Lizenzierungsmodelle und wirksame Instrumente zur Durchsetzung des Urheberrechts eingefordert.