Mit Haut und Haar: Erst-und einmalig: Correggio in der Dresdner Gemäldegalerie
Im 19. Jahrhundert, als sich bürgerliche Haushalte grafische Blätter nach berühmten Gemälden ins Wohnzimmer oder übers Ehebett hängten, zählte die „Heilige Nacht“ von Correggio zu den Favoriten. Auch in Schwarz-Weiß war das innige Beisammensein um Maria und dem Jesusknaben ein herzerwärmendes Vorbild für Eheleute und ihre Familien.

© PR/Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
In der Dresdner Gemäldegalerie, wo das solcherart reproduzierte Gemälde seit dem Erwerb durch August den Starken im Jahr 1745 bewahrt wird, bildete es lange Jahre die Hauptattraktion, in Gottfried Sempers 1855 eröffneter Galerie gar als Blickfang am Ende der Raumachse, wo heute Raffaels „Sixtinische Madonna“ thront.
Correggio, geboren um 1489 als Antonio Allegri im Ort Correggio in der Emilia-Romagna, nach dem er postum benannt wurde, wird längst nicht mehr zu den fraglosen Meistern seiner Zeit gezählt. Es ist nicht einmal ausgemacht, ob er der Renaissance zugehört, die doch seine Lebensdaten – er starb bereits 1534 – zur Gänze begleitet. Eher bringt man ihn mit dem Barock in Verbindung. Der bildete sich erst zwei, drei Generationen nach seinem Tod aus, nahm aber sehr intensiv auf ihn Bezug.
Die „Madonna des heiligen Sebastian“ leuchtet wieder
In Dresden ist nun Gelegenheit, das Werk des Malers kennenzulernen und womöglich neu einzusortieren. Es ist die überhaupt erste Ausstellung seines Werks außerhalb Italiens, und sie konnte nur in Dresden stattfinden, deren Gemäldegalerie gleich vier der bedeutendsten Altarbilder beherbergt, die dem manischen Kunst-Aufkäufer August noch mit das Höchste der älteren Kunst bedeuteten.
Seit Jahren war das nun von Andreas Plackinger, dem Kurator für italienische Malerei realisierte Ausstellungsvorhaben im Werden begriffen, angestoßen durch die Restaurierung des erheblich beschädigten Gemäldes der „Madonna des heiligen Sebastian“. Nun leuchtet das Gemälde so, wie es bei seiner Fertigstellung im Jahr 1524 geleuchtet haben muss, und sticht die anderen Dresdner Gemälde regelrecht aus.
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„Berührend menschlich“ ist die Ausstellung überschrieben. Zuerst zielt das Begriffspaar auf die Reaktion des Betrachters, der sich von den Figuren des Malers, von ihren menschlichen Regungen berührt zeigen mag. Es geht aber eher – oder sollte gehen – um die stupende Fähigkeit Correggios, Menschen als lebendige Wesen mit Haut und Haar darzustellen, sie also lebendig werden zu lassen, und diese „morbidezza“ im Sinne der Renaissance zeichnet die Gemälde aus. Dazu kommen die schon nicht mehr klassischen Kompositionen etwa der „Heiligen Nacht“ von 1528/30, die die Muttergottes mit einer vom Kind beleuchteten, figurenreichen Bildhälfte links und einem dunklen Bilddrittel rechts rahmt; der Katalog spricht von „prononcierter Asymmetrie“.
Asymmetrisch war eben auch das Urteil der Nachwelt. Ob es sich mit der Dresdner Ausstellung wieder ganz ins Positive drehen wird? Schärfen lässt sich der Blick auf das malerische Vermögen Correggios, der keine Werkstatt führte, keine Kompositionen wiederholte und nur Unikate schuf, und dessen erhaltenes Werk jedenfalls zu einem Drittel zusammenzuführen ein bleibendes Verdienst dieser Dresdner Ausstellung ist. Sie ist erst- und auf Jahrzehnte hinaus einmalig.