Zum Tod der Verlegerin Antje Kunstmann: Jedes Buch selbst lesen – und sich dann einmischen

Man kann sich das heutzutage gar nicht mehr vorstellen, da Verlage wie Dumont, Rowohlt, dtv oder Luchterhand von Frauen geleitet werden, wie es vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren noch in der Verlagsszene zuging: Dominiert wurde sie von Männern an der Spitze, Typus Macher, Patriarch, Alleskönner. Und dazwischen Antje Kunstmann als Verlegerin ziemlich allein auf weiter Flur mit ihrem Verlag in München, den sie, selbstbewusst wie sie war, Anfang der neunziger Jahre nach sich selbst benannte.

„Als Vorzeigefrau der Branche“ wurde sie vor zehn Jahren noch von der „FAZ“ bezeichnet, was Kunstmann als lästig empfand, „weil immer wieder die gleichen Fragen kommen“. Auf die wollte sie verständlicherweise nicht mehr so gern antworten, war sie doch nicht allein eine leidenschaftliche, sondern auch eine erfolgreiche Verlegerin.

Geboren 1949 als Tochter eines Lehrerehepaars in Bad Kissingen, studierte Kunstmann in den späten sechziger- und frühen siebziger Jahren Pädagogik, Philosophie und Soziologie, um nach dem Examen eigentlich ihren Eltern nachzueifern und Lehrerin zu werden.

Doch jobbte sie nebenher auch in einem kleinen Verlag für pädagogische und gesellschaftskritische Bücher, und als dieser in Konkurs ging, übernahm Kuntsmann die von ihr betreute feministische Buchreihe und gründete zusammen mit Peter Weismann 1976 einen eigenen Verlag, den Weismann Verlag/Frauenbuchverlag.

Kind der 68er

Kunstmann war als Kind der 68er aktive Feministin, und das erste Buch des Verlages sollte der Band „Frauen befreien sich – Bilder zur Geschichte der Frauenarbeit und Frauenbewegung“ werden, zu dem sich dann aber ein vielfältiges Programm aus Literatur, Polit- und Sachbüchern und auch Comics gesellte, unter anderem das Kommunistische Manifest als Graphic Novel.

Als Weismann Mitte der achtziger Jahre ausschied, machte Kunstmann allein weiter, ab 1990 unter neuem, ihrem Namen, und dabei hütete sie sich immer, sich zu übernehmen: „Der Verlag ist immer noch so überschaubar“, sagte sie einmal, „dass ich jedes Buch gelesen habe und mich überall einmischen kann.“ Und so wurde aus dem Verlag Antje Kunstmann irgendwann ein großer unter den kleinen Verlagen, der dann schon dann und wann auch in einem Atemzug mit größeren Verlagen wie Hanser, Suhrkamp oder Dumont genannt wurde, allein wegen seines feinen, immer um Anspruch bemühten Programms.

Erfolgsautor Axel Hacke

Dieses reichte von deutscher und internationaler Roman- und Prosaliteratur über gesellschaftspolitische und ökologische Sachbücher bis hin zu zeitgenössischer Unterhaltung für ein großes Publikum. Fast synonym für Kunstmanns Verlag stand jahrzehntelang der Autor Axel Hacke, der riesige Auflagen hatte.

Aber auch die Krimis von Anne Chaplet verkauften sich überaus gut, ebenso Donata Elschenbroichs Sachbuch „Weltwissen der Siebenjährigen“ oder Sachbücher wie „Energieautonomie“ des SPD-Umweltpolitikers Hermann Scheer oder Noam Chomskys „Der gescheiterte Staat“. Nicht zu vergessen die internationale Literatur, um die Kunstmann sich verdient machte: Rafael Chirbes, Roberto Bolaño, Tim Parks oder jüngst Irvine Welsh.

Ihre Zuversicht hat Kunstmann auch in den letzten Jahren, da die Buchbranche mehr und mehr zu kämpfen hat, nie verlassen. Sie war überzeugt: „Lesen werden die Leute immer.“

Und weil sie nur zu gut wusste, wie schwierig es für die männlichen Kollegen ihrer Generation war, loszulassen und Nachfolger zu finden, hat sie schon frühzeitig ihrem Sohn Moritz Kirschner vertraut, der seit 2016 in der Geschäftsführung des Verlages sitzt und ihn seit zwei Jahren auch leitet. Antje Kunstmann ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 16. September in München gestorben. Sie wurde 77 Jahre alt.