Satire „Bad Apples“ im Kino: Was haben ein Problemschüler und ein ausgewachsener Gorilla gemeinsam?

Pädagogische Ratschläge aus dem Internet sind stets mit Vorsicht zu genießen. Aber manchmal gerät selbst die fürsorglichste Erzieherin in die Zwickmühle, zu extremen Mitteln greifen zu müssen. Also googelt Maria Spencer in größter Verzweiflung: „Wie lebt man mit einem 800 Pfund schweren Gorilla?“ Die Lehrerin, hinter deren aufopferungsvoller Zugewandtheit sich eine abgründige Leere verbirgt, hat einen Problemfall in ihrer Klasse.

Maria, gespielt von der irischen Schauspielerin Saoirse Ronan, unterrichtet an einer Privatschule im ländlichen Somerset, wo der aufregendste Bildungstrip in die benachbarte Mostfabrik führt, die der Region ihren beliebten Apfelsaft beschert. Doch der Schulausflug endet so abrupt, wie die Maschinen zum Stillstand kommen, nachdem der zehnjährige Danny (Eddie Waller) einen Schuh auf das Förderband geworfen hat.

Eigentlich bräuchte der Junge eine Sonderbetreuung, die aber weder die Lehrerin, noch die Schulleitung und schon gar nicht die Erziehungsberechtigten zu leisten imstande sind. Die geben lieber der überforderten, dauerlächelnden Lehrerin die Schuld dafür, dass sie die Klasse nicht in den Griff bekommt.

Danny streut mit seinem aggressiven Verhalten Sand ins Getriebe des ohnehin schon stotternden Bildungssystems. Auch sein alleinerziehender Vater, der als Paketbote arbeitet, hat mit seinen eng getakteten Lieferzeiten genug zu tun. Abends sitzt „Ms. Maria“ vor ihrem traurigen Mikrowellengericht und verdrängt den Arbeitstag.

Das Gegenteil von erbaulichen Dokus über idealistisches Lehrpersonal

Die schwarze Komödie „Bad Apples“ könnte gar nicht weiter von den erbaulichen Dokumentarfilmen über idealistisches Lehrpersonal entfernt sein, die in den vergangenen Jahren die Kinoleinwände erblickt haben. Auf den ersten Blick ist Maria Spencer noch artverwandt mit dem jovialen Klassenlehrer aus Maria Speths Langzeitporträt „Herr Bachmann und seine Klasse“. Sie hat einen ganzheitlichen Blick auf das Sozialgefüge ihrer Schützlinge. Ein Problem sind, natürlich, die Eltern, die ihre Kinder morgens vor der Schule abladen und ansonsten auf die Arbeit des Staates hoffen. Wofür zahlt man sonst Steuern?

Wie fragil dieses Gefüge ist, beweisen die erratischen Aktionen Dannys. Im Grunde wollen alle nur ihre Ruhe haben, die Eltern wie auch ihre Kollegen. Einer von ihnen, Sam (Jacob Anderson), hat zu allem Überfluss gerade eine langjährige Beziehung mit Maria beendet. Darum herrscht ein beunruhigendes Gefühl von Indifferenz im Kollegium, als der Junge eines Tages nicht mehr zur Schule erscheint.

Einerseits ist das Verschwinden eines Schülers ein Schock für die kleine Gemeinde; andererseits erleichtert sein Fehlen die Arbeit ungemein. Plötzlich können die Kinder wieder ungestört lernen. Vor allem Klassenprimus Pauline (Nia Brown als entzückende Mini-Stalkerin), die dem Rowdy Danny einen Armbruch verdankt, blüht in der Schule auf. So sehr, dass sie bald eine aufdringliche Fixierung auf Maria entwickelt. Die Lehrerin und die Schülerin werden zu Komplizinnen wider Willen.

Die Pointe von „Bad Apples“ besteht nämlich darin, dass die Klassenlehrerin selbst – mehr aus Versehen als mit Absicht – für das Verschwinden ihres Schützlings verantwortlich ist. Die Umstände sind so konstruiert, dass man ein wenig blindes Vertrauen in den schwedischen Regisseur Jonatan Etzler und seine Autorin Jess O’Kane aufbringen muss, um der Prämisse zu folgen. Diese aber erweist sich als ziemlich gut.

Szene aus dem Film "Bad Apples"Oasis-Filmdoku „Don’t Look Back in Anger“ Die Champagne Supernova ist wieder am Himmel