Zum Tod von Helmut Lethen: Geborgen im Freiheitsraum der Kälte

Mit der Kälte setzte bei ihm schon die früheste Erinnerung an die Kindheit ein, als im Zweiten Weltkrieg die Alliierten ihre Bomben auf seinen Geburtsort Mönchengladbach abwarfen und er und seine Familie bei Verwandten in Krefeld unterkamen: „Schlafend aus dem Kissen gerissen, durch die Kälte des Treppenhauses zum Bunker geschleppt zu werden.“

So schrieb es Helmut Lethen vor sechs Jahren in sein Erinnerungsbuch „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“, um gleich analysierend zu ergänzen: „Später las ich bei dem ungarischen Analytiker Sándor Ferenci, der ,Kälteschock‘ der Geburt fördere den Wirklichkeitssinn; so war selbst das kurze Frieren bei der Flucht in den Keller von Nutzen.“

Viel, viel später war dieser Kälteschock auf dem Weg in den Bunker Lethen auch intellektuell von Nutzen. In seinem 1994 veröffentlichten Buch „Verhaltenslehren der Kälte“ untersuchte er das Verhältnis von Geist und Politik insbesondere zwischen den beiden Weltkriegen, die Bewegungs- und Verhaltensfiguren rechter wie linker Intellektueller in der Weimarer Republik. Damit wurde Lethen zu einer Berühmtheit.

Abkehr von der Wärme der Gemeinschaft

Der Kälte der Gesellschaft muss mit einer eigenen Art von Kälte begegnet werden, so lautete die Devise von Ernst Jünger oder Bertolt Brecht, von Helmuth Plessner und Walter Serner, von Carl Schmitt oder Franz Blei. Lethen arbeitete die Gemeinsamkeiten dieser Schriftsteller und Intellektuellen heraus: das Loblied, das sie alle auf die Distanz sangen, ihre Abkehr von der Wärme der Gemeinschaft, von der Tyrannei der Intimität, und wie sie ihre potenzielle Verletzlichkeit stets hinter einer Maske versteckten.

Die Verhaltenslehren, wie Lethen sie entwickelt hat, leiten sich viel weniger psychologisch her, als dass sie physikalisch eingefärbt sind. Zu einem der Schlüsselsätze in seinem Buch gehört Ossip Mandelstams Diktum: „Die Kältetendenz rührt vom Eindringen der Physik in eine moralische Idee.“

Tatsächlich ist es diese antipsychologische Affektkultur, die Lethens Buch so faszinierend macht. In einer Neuauflage vor ein paar Jahren brachte er es selbst auf den Punkt: „Keine Psychoanalyse – welche Erleichterung des Gewissens, welche Abwesenheit der Schuldkultur. Auch der Teufel kam von außerhalb!“

So wie der kalt-distanzierte Carl Schmitt einmal sagte: „Das Leben speist sich aus dem Born des Bösen, die Moral aber führt in den Tod“, so ist Lethens Untersuchung das Gegenteil davon: ein Plädoyer für die Moral, für den Mut zur Moral und gegen jede Form von auch intellektueller Kälte.

Das Buch erschien 2018, kurz nachdem Lethens privates Bild einige Risse bekommen hatte. Denn es war bekannt geworden, dass Lethen die fast vier Jahrzehnte jüngere Caroline Sommerfeld geheiratet hatte: eine Aktivistin der rechtsextremen identitären Bewegung, Autorin von Büchern mit dem Rechtsidentitären Martin Lichtmesz („Mit Linken leben“) und Bloggerin für das von Götz Kubitschek herausgebrachte rechtsintellektuelle Magazin „Sezession“.