Der Spaziergänger von Rostock nach Syrakus: Wie Egon Krenz zum Mitwisser einer Flucht wurde
Er war der zweite Mann im Staat und nach dem Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretär Erich Honecker die wichtigste Figur in der Partei- und Staatsführung: Egon Krenz. Am 9. Juni 1988 erhielt Krenz einen ungewöhnlichen Brief von einem gewissen Klaus Müller, 46, gelernter Schlosser und als Kellner auf Hiddensee tätig. Müller eröffnete ihm, dass er die DDR verlassen werde.
Nicht, um zu fliehen, sondern um zu einer Bildungsreise nach Syrakus, Italien, aufzubrechen. Schließlich habe sein sächsischer Landsmann, der Schriftsteller Johann Gottlieb Seume, bereits 1802 von Grimma bei Leipzig aus, die 6000-km-Strecke bis nach Syrakus vorwiegend zu Fuß zurückgelegt.
Seume galt als ein Meister der Reisebeschreibung. Sein Bericht, Spaziergang nach Syrakus, wird im frühen 19. Jahrhundert Bestseller. Aber er begeisterte auch noch 200 Jahre später. Das zeigt Klaus Müller, der auf den Spuren Seumes über die Alpen bis nach Sizilien wandern will.
F.C. Delius schrieb über Müller einen Roman
Die Geschichte ist so rührend wie absurd, dass sie der Schriftsteller F. C. Delius 1995 in einem Roman verewigte. Und nicht nur die Literatur hat sich des Stoffes angenommen. Am 20. August kommt die Verfilmung „Spaziergang nach Syrakus“ in die Kinos. Auch wenn der Film die wahre Geschichte großzügig interpretiert, ist schon die Besetzung mit Charly Hübner in der Hauptrolle sehenswert.
Das Besondere an der mehrwöchigen Bildungsreise nach Syrakus ist Müllers Wunsch, in die DDR zurückzukehren. Genau deshalb weiht er auch den stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden ein. Allerdings schickt er erst am Abend seiner „Abreise“ den Brief ab. Sicher ist eben sicher. Als unfreiwilliger Zeuge des Vorhabens und „Mitwisser“ gilt nun Egon Krenz. Für Müller ein Ass im Ärmel.
Dass sich der ganze Vorfall ausgerechnet auf Hiddensee zutrug, war kein Zufall. Die Insel galt als Niemandsland und exterritoriales Gebiet. Im Meer, in Sichtweite der dänischen Insel Møn gelegen, scheint sie nicht mehr die DDR und doch auch nicht irgendein anderes Staatswesen zu sein. So wurde die Insel das Eldorado für Künstler und Lebenskünstler, Aussteiger jeder Couleur, Träumer und Andersdenkende. Auch Ausreisewillige verdingten sich hier als Saisonkräfte und ließen die DDR hinter sich.
8 Monate auf Bildungsreise
Aber nicht nur jene, die mit der DDR abgerechnet hatten, fanden sich hier ein. Auch Mitglieder des ZK und Politbüros, Wissenschaftler, Schauspieler, Schriftsteller, Maler und Publizisten entdeckten die Reize der Insel. Gerhart Hauptmann, Albert Einstein oder Thomas Mann waren in den Vorkriegsjahren hier, ihnen folgten zu DDR-Zeiten Walter Felsenstein, Gret Palucca, Armin Mueller-Stahl oder Markus Wolf, der Chef des Auslandsgeheimdienstes und Stasi-Vizechef.
Allerdings hielt sich das mit der Ruhe in Grenzen, weil zuweilen Punkbands wie Feeling B mit selbstgebauten, von Batterien betriebenen Verstärkern ganze Strandabschnitte ohrenbetäubend beschallten. Die Bandmitglieder waren mitunter auch Funktionärskinder. Viele von ihnen verzweifelten am System, hatten Ausreiseanträge gestellt oder versuchten, über eine der Grenzen der DDR zu entfliehen.
Klaus Müller wollte auch weg, aber wieder zurückkehren. Er stellte Ausreiseanträge, und er hoffte, im Rahmen der neu abgeschlossenen Städtepartnerschaft Rostock–Bremen in den Genuss einer Reise gen Westen zu kommen. Doch als auch dieses Ansinnen bei den Rostocker Behörden trotz der Fürsprache des damaligen Bremer Bürgermeisters Klaus Wedemeier auf Ablehnung stößt, beschließt Müller, seine Ausreise selbst zu organisieren.
So heißt es in dem Brief an Krenz, der in der Stasiakte Müllers archiviert ist: „Wenn Sie mir, weil ich kein Akademiker bin, eine Bildungsreise nicht zubilligen wollen, nenne ich meine Reise eine Walz. Ich war in der BRD in 4 Städten auf 7 Arbeitsstellen in 2 Berufen zeitweilig tätig und habe dort und in Italien reiche berufliche Erfahrungen sammeln können.“
Die Staatssicherheit ist ratlos. Nach einer Nacht in einer Gästezelle wird Müller nach Röntgenthal in ein Wiederaufnahmelager für Übersiedler aus dem Westen gebracht. Dort bleibt er 21 Tage – und wird ohne Auflagen in die DDR entlassen.