Werkschau des Regisseurs Jean Eustache: Ein Dandy, aber kein Feingeist

Als der Kritiker und spätere Regisseur Luc Mollet Anfang der 1960er Jahre beim französischen Filmmagazin „Cahiers du Cinéma“ arbeitete, trieb sich in den Redaktionsräumen gelegentlich ein geckenhafter junger Mann herum, der offensichtlich nicht dazugehörte – und auch sonst nicht den Eindruck erweckte, als hätte er irgendwas mit Film zu tun. Wenn er etwas sagte, sprach er mit einem provinziellen Dialekt, der ihn im Umfeld der habituellen Bürgerkinder Jean-Luc Godard, François Truffaut und Éric Rohmer automatisch zum Außenseiter stempelte.

Der Typ stellte sich als von den Übervätern des französischen Kinos eingeschüchterter Ehemann der „Cahiers“-Sekretärin heraus, der gerade selbst an seinem Regiedebüt arbeitete. Mollets Erwartungen an diesen Sonderling blieben überschaubar, bis der Kurzfilm „Du côté de Robinson“, im Stil unverkennbar von der Nouvelle Vague beeinflusst, aber im Tonfall grobschlächtiger und weniger weltmännisch, 1963 auf Festivals Preise zu sammeln begann.

Für seine zweite Regiearbeit „Le Père Noël a les yeux bleus“ („Der Weihnachtsmann hat blaue Augen“) versorgte ihn Godard mit übrig gebliebenem Negativfilm von den Dreharbeiten an „Masculin feminin“. 1967 gab er ihm eine kleine Rolle in „Weekend“. Mit 28 Jahren war Jean Eustache endgültig im inneren Kreis der Nouvelle Vague angekommen.

Reaktionäre Ansichten über linke Politik und Gleichberechtigung

Die beiden Frühwerke eröffnen an diesem Dienstag eine kleine Werkschau für den 1938 im südwestfranzösischen Pessac geborenen Jean Eustache, der sich seine Außenseiterrolle im französischen Kino hart erarbeitet hat. Sein Werk umfasst gerade mal zwölf Filme, darunter Spiel- und Dokumentarfilme in verschiedensten Längen. In seiner Rohheit unerreicht ist der Dokumentarfilm „Numéro Zéro“ (1971) über seine Großmutter Odette Robert, bei der Eustache aufwuchs.

Als Hauptwerk gilt sein dreieinhalbstündiges Beziehungsporträt „La maman et la putain“ („Die Mama und die Hure“) mit dem Nouvelle-Vague-Star Jean-Pierre Léaud in seiner merkwürdigsten, zweifellos aber unangenehmsten Rolle als Kaffeehaus-Dandy und Westentaschen-Intellektueller mit einigen für die Post-68er höchst reaktionären Ansichten über linke Politik und Gleichberechtigung. Der Film sorgte 1973 beim Festival in Cannes für Kontroversen, gewann am Ende aber den Großen Preis.

In der Filmgeschichtsschreibung hat sich die Ansicht verfestigt, dass der Solitär Eustache der wichtigste Regisseur der zweiten Nouvelle-Vague-Generation ist, auch wenn ihn, außer der Schaffensperiode, stilistisch nichts mit den ebenfalls ab Mitte der 1960er Jahre in Erscheinung tretenden Maurice Pialat, Philippe Garrel und André Téchiné verbindet.

Eine exorzistische Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie

Was ihn von den Regisseuren der ersten und zweiten Generation vor allem unterscheidet, ist seine geradezu exorzistische Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, unbefleckt von Reflexion und Schamgefühlen. Sein berühmter Satz „Die Filme, die ich gedreht habe, sind so autobiografisch, wie es Fiktion nur sein kann“ beschreibt dann auch sehr anschaulich, wie sich tatsächlich fiktionale und vermeintlich dokumentarische Stilmittel in seinen Filmen immer wieder durchdringen.

Foto aus dem Film LA MAMAN ET LA PUTAIN  Foto: Arsenal PresseSylvester Stallone wird 80 Der amerikanische Traum trägt Boxershorts Mel Brooks wird 100 Jahre alt Der Quatschkopf aus dem Shtetl

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Eustaches autobiografische Filme sind keine klassischen Bildungsromane, es geht nicht um Entwicklung oder Läuterung, sondern um das Aufzeigen von Klassenunterschieden und -missverständnissen. Sie ähneln darin den Erinnerungen Didier Eribons an sein Aufwachsen in der französischen Provinz.

In seiner ungerührten Offenheit – über die Männlichkeitsbilder, mit denen er aufwuchs; die süffisante Skepsis gegenüber dem intellektuellen Kosmopolitismus seiner Regie-Vorbilder – hat sich sein schmales Werk seit der Wiederentdeckung vor gut 25 Jahren als heilsame, wenn auch nicht immer mehrheitsfähige Zumutung seinen Platz im Kanon des Autorekinos (ein Begriff, den er hasste) verdient. Mit seinem Suizid am 5. November 1981 setzte Jean Eustache auch seinem radikalen Werk ein konsequentes Ende. Die Auseinandersetzung mit diesem schwer ergründlichen, widersprüchlichen Regisseur jedoch geht weiter.