Zwei „Nulpen“ im Berliner Kino-Sommer: Die Welt ist ein Arsch, aber ein ziemlich schöner
Erinnert sich noch jemand an das Sommerwunder „Prinzessinnenbad“? Das war ein toller Dokumentarfilm von Bettina Blümner, der 2007 das Kinopublikum weit über die Berliner Stadtgrenzen hinaus verzauberte. Und zwar ob seiner rauen und zärtlichen Authentizität, mit der er drei Teenagerinnen im Kreuzberger Prinzenbad aufs Maul schaute.
Viele Mädchen sind hinterher noch sehr lange mit einem Filmzitat aus „Prinzessinnenbad“ auf dem T-Shirt herumgelaufen: „Ich komm’ aus Kreuzberg, du Muschi“, ein Berlin-Spruch einer der Protagonistinnen, dessen ruppiges Selbstbewusstsein der Stadt und ihren Menschen fast 20 Jahre später etwas abhanden gekommen ist. Ein Film wie „Nulpen“, der Identität stiftet und Spaß macht, kann dabei helfen, es wiederzuerlangen.
Nach außen tough und pampig
Ramona und Nicola, die fiktiven Heldinnen aus Sorina Gajewskis Langfilmdebüt „Nulpen“ sind ein ähnliches Kaliber wie die Mädels aus dem Prinzenbad. Nach außen tough und pampig, nach innen weich und voller Fragezeichen.
Anders als die etwas jüngeren Freibadgirls haben Ramona und Nico schon das Abitur in der Tasche, was im sommerdurchglühten Coming-of-Age-Drama „Nulpen“ aber kaum auffällt, weil die Mädchen, die viel in Kreuzberg unterwegs sind, dauernd im Digga-Rapper-Denglisch-Slang reden, der als Jugendsprache inzwischen Klassenunterschiede nivelliert.
Regisseurin und Drehbuchautorin Sorina Gajewski hat an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert, „Nulpen“ ist ihr Langfilmdebüt. Ein Debüt, das, was die Tonlage ihrer Berlin-Geschichte angeht, ausgesprochen echt und glaubwürdig gerät.
Das Wort „Nulpe“, mit dem Nico ihre Freundin Ramona beschimpft, nachdem sie ein weiteres Mal Scheiße gebaut hat, übersetzen die englischen Untertitel mit „Slacker“. Der Begriff aus der Popkultur trifft auf Ramonas ruppige Null-Bock-Attitüde, mit der sie es ablehnt, sich im Sommer nach dem Schulende überhaupt irgendwie in die Leistungsgesellschaft einzugliedern, voll zu.
Synonyme für Nulpe sind dagegen laut Duden „Depp, Dummkopf, Flasche, Krücke“. So doof kann eine junge Frau aber nicht sein, die sich auf Nicos Frage, welchen Namen sie sich als Sprayer geben würde, antwortet: „Ich würde Sisyphos nehmen, dieser Typ, der immer versagt, aber irgendwie doch nicht versagt.“

© Hannes Schulze
Ramonas kleiner Bruder Noah (Rio Kirchner) will, im Gegensatz zu seiner No-Future-Schwester, die die Demos gegen Erderwärmung auf der Straße mit gelangweiltem Achselzucken abtut, etwas tun. Für das Klima und auch, um den Vogel wiederzufinden. „Warum bist du so negativ?“, schreit er die große Schwester an.
Man kann doch eh nichts verändern. Die Welt ist ein Arsch!
Ramona in „Nulpen“
Dieser Grundkonflikt zwischen Noah und Ramona, der eine Spiegelung von Ramonas inneren Kämpfen ist, zieht sich durch die Geschichte, in der die drei auf Vogeljagd durch die Straßen der Stadt treiben. Er kumuliert nach einem Crash zwischen Nicola und Ramona, die erkennt, dass ihre Freundin nach dem Sommer sehr wohl etwas aus ihrem Leben machen will, in einer offen stehenden Kirche. „Man kann doch eh nichts verändern. Die Welt ist ein Arsch!“ schreit Ramona da eine Pfarrerin an. „Glaubst du an gar nichts?“, fragt sie konsterniert zurück.
Ein Elfjähriger, der die Boomer-Generation in einer Szene als Verwüster des Planeten anklagt. Eine 18-Jährige, die keine Zukunft will, weil sie angesichts multipler Krisen an keine mehr glaubt. Es ist schon starker Tobak, den Sorina Gajewski in ihren über weite Strecken luftig-leicht daherkommenden Sommerimpressionen beackert. Besonders Noahs Part wirkt stellenweise mit zu viel raschelndem Papier überfrachtet.
Dafür sind Szenen wie die, in denen die drei immer noch Kinder kichernd im Gras des Tempelhofer Feldes herumkugeln und über Galaxien schwadronieren, innig und stimmig. Und auch das Miteinander der Mädchen, in dem zuerst immer Ramona den Ton angibt, um später umso verunsicherter auf Nico Vorwürfe zu reagieren, ist genau beobachtet und inszeniert.
„Nulpen“ ist in zweierlei Hinsicht ein gelungenes Debüt: einmal, weil sich mit Sorina Gajewski ein hoffnungsvolles Filmemacherinnen-Talent vorstellt, das für den Film bereits mehrere Preise gewonnen hat. Und weil selbst eine hartnäckige Skeptikerin wie Ramona ahnt, dass die Welt umso weiter wird, je entschlossener man in ihr lebt.