„Icke bin’s, der alte Ami Rik De Lisle“: Er machte Rock’n’Roll im Berliner Radio zur Geisteshaltung – und wurde selbst zur Legende

Über den Rang eines Staff Sergeant der US Air Force hinaus hat er es nie geschafft, aber seine unzähligen Fans sahen in ihm zweifellos einen Radio-General. Richard „Rik“ De Lisle, noch besser bekannt als „Alter Ami“, war vielen Berlinern ein Lebensbegleiter über Jahrzehnte, überwand als Radiomoderator die Mauer, wurde zur Legende. Legende? Das könne man nicht werden wollen, sagte er mal, das passiere, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sei.
Diese richtige Zeit begann für den 1947 in Milwaukee geborenen und bei der Armee als Radiotechniker ausgebildeten Soldaten, als er 1978 vom Militärsender AFN von Texas nach West-Berlin geschickt wurde. „I’m Air Force Sergeant Rik de Lisle“ lautete sein Weckspruch im Frühprogramm, „reminding you, that Rock’n’Roll is just a state of mind“. Da beackerten zwar auch SFB und RIAS schon die junge Hörerschaft, aber nicht als Geisteshaltung und nicht rund um die Uhr, denn morgens sendeten sie noch Operetten und Tanzorchestermucke. De Lisle etablierte „Good morning, Berlin!“ als populärste Frühsendung in West- und Ost-Berlin – und sich selbst als unverwechselbare Radiostimme.
„Die Objektivität der Presse“ Was Tagesspiegel-Gründer Erik Reger einst im RIAS zum weiterhin aktuellen Thema sagte
Noch so ein Satz: „Und jetzt kommt die Doktor Zimmermann mit die gelbe kleine Quietschentchen, es ist fuuunf Uhr.“ Wer da nicht wach wurde, dem war nicht zu helfen. Als Moderator konnte er neben solchen Späßen längst Anekdoten und Konzerterlebnisse aus einem unerschöpflichen Fundus zum Besten geben, der noch auf Begegnungen mit großen Stars in seiner AFN-Zeit beruhte.
Dann fiel die Mauer, und er wurde in den Wirren der Senderprivatisierung erst einmal gefeuert. Der Chef des nun auf 94,3 RS2 umgetauften Senders teilte ihm mit, es gebe keinen Bedarf mehr für einen „Klassenclown“ am Morgen. Das war eine offensichtliche Fehleinschätzung, denn die Hörerschaft schrumpfte von 300.000 pro Stunde auf kaum noch messbar. Rik De Lisle wurde zurückgeholt, und zwar richtig, als Programmdirektor. „Erfolg ist die beste Rache“, sagte er in einem Tagesspiegel-Interview 2020, „nach fünf Jahren standen wir wieder an der Spitze der Berliner Privatradios“.
Erst im Dezember 2025 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück
Ab 1997 arbeitete De Lisle zehn Jahre lang parallel zu seinen Moderationen als Europachef einer internationalen Radio-Beratungsfirma, wurde dann Aushängeschild des hessischen Senders Radio Bob, moderierte ein Nachmittagsprogramm bei R.SA in Sachsen und wurde Programmchef beim Radiosender PSR, bis er 2014 nach Berlin zurückkehrte und den alten Job zurückbekam: als Programmdirektor bei 94,3 RS2. Er blieb auch musikalisch dran, nannte es beispielsweise einen großen Fehler, dass die Radiosender die Techno-Musik ignoriert hätten.
Seine letzte Stelle trat er 2017, schon 70 Jahre alt, beim Berliner Rundfunk 91,4 an: Er moderierte, zunächst nur sonnabends, dann ab 2018 täglich, seine „Rik De Lisle Show“. In der Corona-Zeit hielt er durch, sendete aus dem „Schloss“ in Steglitz allein mit seinem Producer, „obwohl die den alten Mann schon nach Hause schicken wollten, bis alles vorbei ist“. Denn: „In Krisenzeiten brauchen die Menschen Beständiges.“ Erst im Dezember 2025 zog er sich aus der Öffentlichkeit endgültig zurück. Am 30. März ist Rik De Lisle, wie sein Sender am Dienstag mitteilte, im Alter von 79 Jahren gestorben.