Tilo Jung über seine Präsenz bei der Berlinale: „Ich habe keinen Eklat ausgelöst“
Am Mittwoch wird in einer Aufsichtsratssitzung über die Zukunft der Berlinale verhandelt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU) drängt auf einen neuen Verhaltenskodex, er kritisiert, dass „politische Aktivisten“ das Festival überlagert hätten.
Die Debatte begann schon zum Festivalbeginn, nachdem die Jury vom Journalisten Tilo Jung nach der „selektiven Solidarität“ der Berlinale mit Hinblick auf den Nahostkonflikt gefragt wurde. Wim Wenders antwortete, Kunst sei das Gegenteil von Politik. Er erntete Entrüstung in den sozialen Medien und einen offenen Brief mit Zensurvorwürfen von Hollywoodgrößen. Auch im weiteren Festivalverlauf fragten Jung und seine Kollegin Kira Müller bei den Pressekonferenzen regelmäßig Künstler nach politischen Haltungen. Clips mit Antworten von Neil Patrick Harris und Ethan Hawke gingen viral.

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In dem Podcast „Jung und Naiv“ haben die beiden Journalisten nun ihre Erfahrungen bei der Berlinale resümiert und verwehrten sich dabei auch gegen Vorwürfe, sie seien für den Eklat mitverantwortlich. Er habe entgegen diverser Behauptungen nicht bei jeder Pressekonferenz nach Gaza gefragt, sondern sei lediglich bei zehn von 34 Terminen vor Ort gewesen und habe sieben Fragen stellen können, so Jung. Dabei sei es auch nicht nur um Gaza gegangen, sondern auch um Faschismus oder Filmbudgets.
Unmut über Fragen von Jung und Müller hatte sich während des Festivals zunehmend bemerkbar gemacht, der Filmkritiker Rüdiger Suchsland stellte in der Sendung „Kulturzeit” bei 3Sat sogar infrage, ob man Journalisten, die keine Filmkritiken schreiben, überhaupt für das Festival akkreditieren sollte.
Tatsächlich hatten sich nach der Jury-Pressekonferenz die politischen Fragen auch von anderen Journalisten gehäuft, für Jung eine klare „Trotzreaktion” auf Tuttles Statement, dass es für Künstler keine Verpflichtung gebe, sich politisch oder zu Entscheidungen der Berlinale-Leitung zu äußern.
Von Kollegen „niedergebrüllt“
In Bezug auf einen ebenfalls viralen Clip, in dem Kira Müller den Schauspieler Channing Tatum nach dem offenen Brief fragte, erklärt Jung: „Das war das relevanteste Thema. Ob es der Berlinale oder den Künstlern passt, spielt keine Rolle. Es ist die Aufgabe von Journalisten, auch dahin zu gehen, wo die Menschen auf der Bühne vielleicht nicht freiwillig hingehen würden”. Weil er selbst bei einer anderen Pressekonferenz nicht mehr drangenommen wurde, hatten er und seine Kollegin beide an der Fragerunde mit Tatum teilgenommen, um ihre Chancen zu erhöhen.
Nachdem ein anderer Journalist auf Müllers Frage mit lautem Protest reagierte, wurde sie schließlich abmoderiert. „Das war der Tiefpunkt dieser Pressekonferenz”, so Jung. „Eine junge Journalistin, die eine berechtigte Frage stellt, wird niedergebrüllt und niemand im Raum scheint etwas dagegen zu haben.“ Müller ergänzte, sie sei anschließend weiter verbal angegangen worden.