Dreck und Druck: Wie zwei Berlinale-Filme auf die Reinigungsbranche blicken
Blau, orange, gelb, violett – die Farben der Schweizer-Franken-Scheine leuchten ab der ersten Einstellung von „Enjoy Your Stay“ immer wieder auf. Ständig wird hier Geld gezählt, verteilt oder herumgeschoben. Vor allem der blaue Hunderter-Schein ist nach den 99 Filmminuten auch dem Euro-Zonen-Publikum vertraut.
Zu seiner Hauptrolle kommt das Bargeld in Zeiten der Kartenzahlungsdominanz, weil die Empfängerinnen in der Schweiz illegal beschäftigt sind. Es handelt sich um eine Gruppe philippinischer Frauen, die gemeinsam in einem vom Arbeitgeber gestellten Haus wohnen und die Touristen-Appartements in einem Skiort sauber halten. Ihre Pässe sind derweil weggeschlossen.
Als die 35-jährige Luz (Mercedes Cabral) erfährt, dass ihr Ex-Mann zu Hause das alleinige Sorgerecht für ihre gemeinsame Tochter anstrebt, gerät sie immer tiefer in eine Spirale von Ausbeutung, Zeitdruck und harten Entscheidungen.
Dass die Sechsjährige sich zusehends von der Mutter zu entfremden scheint, verschärft deren Situation. So schnell wie möglich will Luz das Geld für ihren Rückflug verdienen, um beim Geburtstag der Kleinen nicht nur auf dem Handybildschirm präsent sein zu können.
Die illegalen Arbeiterinnen haben keine Rechte
Regie und Drehbuch des stillen Dramas vor beeindruckender Alpenkulisse haben der Schweizer Filmemacher Dominik Locher („Goliath“) und die philippinische Drehbuchautorin Honeylyn Joy Alipio gemeinsam übernommen. Ihnen gelingt ein eindringlicher Blick auf eine Branche, die meist in die Unsichtbarkeit verbannt ist. Selbst wenn sich die Wege der Philippinerinnen und der Gäste auf der Straße gelegentlich kreuzen, scheinen diese durch die Reinigungskräfte hindurchzusehen.
Einmal ist Luz während einer ausufernden Party im Einsatz. Als sie gerade die Scherben von absichtlich zerbrochenen Gläsern aufsammelt, tritt ihr ein Mann auf die Hand. Eine Entschuldigung hört sie nicht, erwartet sie auch nicht. Auf noch schmerzhaftere Weise muss eine neue Kollegin erfahren, dass schwarzarbeitende Reinigungskräfte keinerlei Rechte haben. Mit allem, was ihnen zustößt, müssen sie selbst fertigwerden.
In dieser Hinsicht hat es ihre deutsche Kollegin Heike (Sabine Thalau) etwas besser: Die Hauptfigur von Kilian Armando Friedrichs „Ich verstehe Ihren Unmut“, dem zweiten Panorama-Spielfilm mit Putzpersonal im Zentrum des Geschehens, arbeitet als Objektleiterin einer Reinigungsfirma in München. Sie ist fest angestellt und hat eine eigene Wohnung.
Doch auch sie steht unter einem ungeheuren Druck. Wenn die Handkamera ihr zu Beginn dicht auf den Fersen durch ein Einkaufszentrum folgt, ermahnt sie in einem Fort ihre dort arbeitenden Untergebenen und legt manchmal selbst Hand an, um diese zu korrigieren.
Ständig beschwert sich die Kundschaft am Telefon
Der Stress geht weiter, wenn Heike im Auto zum nächsten Objekt fährt und währenddessen permanent telefoniert. Entweder wird sie von ihrem Boss angetrieben, muss Ersatz für eine ausgefallene Putzkraft finden oder sich mit den Beschwerden der Kundschaft herumschlagen. Da wird über Staub und angebliche Schlieren lamentiert. Tanja reagiert mit einer Mischung aus Verteidigung und Verständnis, wobei auch der titelgebende Satz fällt.
Kilian Armando Friedrich, der auch das Drehbuch schrieb, vermittelt die Unmenschlichkeit des Niedriglohnsektors mit einer quasi-dokumentarischen Direktheit. Sein Film wirkt dabei wie ein Kommentar zu den aktuellen Debatten, um die angeblich zu wenig arbeitenden Deutschen. Hier rackert sich jemand bis zum Umfallen ab, und es reicht trotzdem nicht, weshalb Heike mit einer Kollegin heimlich Reinigungsmittel abzweigt und vertickt.

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Wie in „Enjoy Your Stay“ steht auch in „Ich verstehe Ihren Unmut“ das Thema Schwarzarbeit immer im Raum, die prekäre Situation zugewanderter Arbeitskräfte ebenfalls. Heike ist in ihrem direkten Umfeld die einzige Deutsche, Nationalitäten oder Hautfarben sind ihr egal, für sie zählen allein die Wischkraft und Pünktlichkeit ihrer Putzkolonne.
Friedrich, der zuvor Dokumentarfilme gedreht hat, gibt sich in seinem Spielfilmdebüt Mühe, seine Protagonistin nicht nur als Getriebene zu zeigen, sondern auch mal ihr Herz. Als gänzlich unsympathischen Gegenpol konstruiert er ihren arbeitsunfähigen Ex-Partner Detlev (Werner Posselt), mit dem sie weiterhin zusammenwohnt; den Münchner Wohnungsmarkt muss man als Grund nicht mal erwähnen. An Detlevs gesundheitlichem Zustand kommen im Verlaufe des Films berechtigte Zweifel auf.