ZDF-Mehrteiler „Ku’damm 77“: Weitertanzen im braunen Urschlamm
Seit zehn Jahren tanzen die Schöllack-Frauen nun schon im mittlerweile vierten Dreiteiler „Ku’damm 77“ durch die herrschaftlichen Räume der Tanzschule Galant am Berliner Kurfürstendamm. Und obwohl Mutter Schöllack, die Claudia Michelsen auch diesmal wieder herrlich mit der Aura einer Eiskönigin mit Herz und eingebräunter Gesinnung versieht, jetzt als Tanzschul-Oma präsidiert, tanzen die Töchter Monika, Helga und Eva samt den Enkelinnen Dorli und Friederike weiter nach ihrer Pfeife. Jedenfalls was die emotionale Abhängigkeit von der Übermutter angeht.
Die 14 Jahre erzählte Zeit, die seit „Ku’damm 63“ (von 2021) verstrichen sind, hat das Ensemble – wie das in der Illusionsmaschine Fernsehen so geht – kaum Alterungsspuren gekostet. Und der digital zugerichtete Kurfürstendamm sieht baulich noch ein Stück wiederhergestellter aus.
Um sich langwierige Dialoge zu ersparen, in denen die Protagonistinnen einander die Erlebnisse der letzten Jahre schildern, hat Hess beherzt einen Cut gemacht. Die drei Teile von „Ku’damm 77“ sind als Film im Film konzipiert.
Immer, wenn Linda Müller, die für den Sender Freies Berlin eine Dokumentation über die Traditionstanzschule dreht, die Schöllack-Frauen interviewt oder ihren Alltag beobachtet, springen die Bilder in grobkörniges 16-Millimeter-Filmformat. Zwar wirkt es mit der Zeit immer seltsamer, dass die Filmemacherin rund um die Uhr an den Schöllacks klebt, aber Expositionsprobleme gibt es durch diesen dramaturgischen Kniff keine mehr.

© ZDF/Conny Klein
Neben die zentrale Perspektive von Monika, die – als Witwe und alleinerziehende abgebrannte Musikclubbesitzerin wieder bei Mutti eingezogen ist – hat Hess die beiden anderen Mutter-Tochter-Kombinationen gestellt. Monika trainiert Tochter Dorli, eine hoffnungsvolle Turniertänzerin und legt dabei die Strenge einer Eislaufmutter an den Tag. Und Monikas Schwester Helga (Maria Ehrich), die wieder daheim ist seit ihr schwuler Ehemann nach Ost-Berlin rübermachte, versucht die rebellische Tochter Friedrike (Marie Louise Albertine Becker) zu Abitur und Studium zu treiben. Ricky will aber lieber mit Mittlerer Reife abgehen und Polizistin werden.

© ZDF/Conny Klein
Es amüsiert, mit welcher Unverfrorenheit seriellen Erzählens Hess in „Ku’damm 77“ altes und neues Personal etabliert. Wieso ist Sabin Tambrea wieder dabei? War der nicht in der Rolle des Joachim Franck suizidal in die Ostsee gestiegen? Tja. Und was will Linda Müller wirklich von Mutter Schöllack? Tja. Und es verblüfft, wie elegant Hess Zeitgeschichte wie den Tod von Elvis Presley einflicht und die Themen der Siebziger einbindet.

© ZDF/Conny Klein
Die hat Tochter Eva (Emilia Schüle), die wegen Todschlags im Knast saß und – kaum zurückgekehrt – „Galant“ zu einem Rolf-Eden-Nachtclub umbauen will, sowieso. So rabiat wie sie auftritt, wähnt man sie direkt auf dem Weg in die Roten Armee Fraktion, die wie der West-Berliner Drogensumpf der Siebziger zur gewalttätigen Absturzatmosphäre jener Jahre zählt.
Auch männlicher Gewalt widmet sich „Ku’damm 77“ wieder in einer neuen Spielart. Und dass Berlin in den Siebzigern auch schon eine Stadt arabischer Einwanderer ist, dafür steht ein libanesischer Musiker, der Monika das Spiel der Oud und ihren ersten Döner (!) nahe bringt. Der multiethnische Cast bringt einen modernen Touch in das auch diesmal wieder schicke Kostüm- und Ausstattungsbild.