Ein deutscher Sommer, schön und schaurig

Im November 2013 entscheiden die Bürger. Und sie sagen nein. Nein zu Olympischen Winterspielen 2022 in München. 52 Prozent der Münchner votieren bei einem Bürgerentscheid dagegen, dass ihre Stadt zum zweiten Mal nach 1972 Olympische Spiele ausrichtet. Die Gegner der Idee triumphieren. „Ich glaube, in ganz Deutschland sind Olympiabewerbungen mit dem heutigen Tag vom Tisch“, sagt Ludwig Hartmann vom Bündnis NOlympia.

Olympia – das steht schon lange für Gigantismus und Korruption, für Hybris und Kommerz. Dass es mal anders war, das lässt sich in „München 72“ von Markus Brauckmann und Gregor Schöllgen nachlesen.

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„Ein deutscher Sommer“ lautet der Untertitel ihres Buches. Aber vielleicht war München 72 sogar mehr als nur ein deutscher Sommer.

Wenn die Ereignisse fünf Jahre später – Schleyer, Mogadischu, Stammheim – „der deutsche Herbst“ waren, dann lässt sich München 72 mit einigem Recht als „der deutsche Sommer“ bezeichnen. „München 72 ist für die Bundesdeutschen, was für die Amerikaner die Mondlandung war: ein Aufbruch in eine neue Zeit“, schreiben die beiden Autoren.

Brauckmann, Autor und Dokumentarfilmer, und Schöllgen, Professor für Neuere und Neueste Geschichte, haben massenweise Quellen gesichtet und mit einer ganzen Reihe von Protagonisten gesprochen. Ihr Buch atmet den Geist der Zeit, zumindest den der ersten Tage: Die beiden Autoren erzählen die Geschichte der Spiele heiter und beschwingt, so wie es auch München 72 zu Beginn ist: „Der deutsche Sommer war ein Lebensgefühl.“

Das Ende der unbeschwerten Tage. Am 5. September überfielen palästinensische Terroristen das Olympische Dorf.Foto: dpa

Noch heute steht München 72 mit dem architektonisch atemberaubenden Olympiastadion und dem Corporate Design von Otl Aicher für den Beginn der Moderne in der Bundesrepublik. Ein Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg und 36 Jahre nach Hitlers Propagandaspielen in Berlin staunt die Welt über die Deutschen. Die können offenbar auch anders. Ja, München 72 ist auch „der Exorzismus, der den verdammten Fluch der Spiele unter dem Hakenkreuz austreiben soll“.

Doch der schöne Sommer geht jäh zu Ende: am 5. September, einem Dienstag, gegen 4.30 Uhr am Morgen, als palästinensische Terroristen das Olympische Dorf überfallen, zwei Israelis töten und neun weitere als Geiseln nehmen. Es ist, so schreiben Brauckmann/Schöllgen, „der erste Terroranschlag, der live im Fernsehen gezeigt wird“.

Zum zweiten Mal staunt die Welt über die Deutschen

Schon das offenbart die ganze Hilflosigkeit der deutschen Behörden, die mit der missglückten Gefangenen-Befreiung am Flughafen Fürstenfeldbruck ein schreckliches Ende findet. „Die Welt staunt ein zweites Mal über die Deutschen“, schreiben Brauckmann/Schöllgen. „Nachdem die internationalen Gäste zu Beginn der Spiele von der im Lande herrschenden Leichtigkeit überrascht sind, verblüffen sie nun die Inkompetenz und Hilflosigkeit der sonst so gut organisierten Deutschen.“

Das ist die Tragik dieser Spiele. Freude und Trauer bestimmen noch heute das Bild, das wir von München 72 haben. Sie lassen sich genauso wenig voneinander trennen wie die beiden Seiten einer olympischen Goldmedaille. Denn dass Heiterkeit vor Sicherheit geht, das ist eine bewusste Entscheidung der Organisatoren dieser Spiele.

„Niemand im neuen Deutschland wollte ein waffenstarrendes Polizei-Olympia“, schreiben Brauckmann und Schöllgen. So werden aus den heiteren die zwiespältigen Spiele: „Es war ein Sommer der Triumphe und der Niederlagen, der Leichtigkeit und der Leidenschaft, aber auch der Hilflosigkeit und des Versagens.“

Markus Brauckmann, Gregor Schöllgen: München 72. Ein deutscher Sommer. Deutsche Verlags-Anstalt, 364 Seiten, 25 Euro.