Wolfram Weimer legt sich fest: Bremen soll Deutschlands Gedenkort zum Kolonialismus werden

In einem Park unweit des Bremer Hauptbahnhofs steht ein riesiger Elefant aus Backstein. Zehn Meter ragt er in die Höhe. Im Jahr 1932 bauten ihn Kaufleute aus der Stadt als weithin sichtbares Symbol dafür, dass Deutschland seine Kolonien zurückgewinnen müsse, die es im Ersten Weltkrieg verloren hatte.

Knapp 60 Jahre später wurde das aus der Zeit gefallene „Reichskolonialehrenmal“ umgewidmet. Seither ist es das Bremer Antikolonialdenkmal. Und vielleicht ist es bald Teil einer nationalen Gedenkstätte.

Den hier, in Bremen, soll nach dem Willen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Deutschlands zentraler Gedenkort zum Kolonialismus entstehen. Das verkündete er im Kulturausschuss des Deutschen Bundestags, wie Teilnehmer berichten. Weimers Sprecherin bestätigte auf Anfrage, dass man sich derzeit in Gesprächen mit dem Land Bremen und dem dortigen Übersee-Museum befinde.

Seit einigen Jahren ringt Deutschland um seinen Umgang mit der eigenen Kolonialvergangenheit. Anders als in Frankreich oder Großbritannien, die nach dem Zweiten Weltkrieg schmerzhafte gesellschaftliche Dekolonisierungsprozesse bewältigen mussten und wo es dadurch eine stärkere Auseinandersetzung gab, fristete das Thema hierzulande lange ein Schattendasein.

Inzwischen aber wächst ein Bewusstsein – etwa für geraubte Kulturgüter in deutschen Museen. Die Rückgabe der Benin-Bronzen im Jahr 2022 erregte viel öffentliche Aufmerksamkeit. Einen zentralen Ort zum Gedenken und für Erforschung und Vermittlung der deutschen Kolonialvergangenheit gibt es bisher nicht.

24.09.2026, Berlin: Wolfram Weimer (parteilos), Staatsminister für Kultur und Medien, sitzt bei einer Sitzung des Bundestags auf der Regierungsbank. Thema ist die Änderung des Transplantationsgesetzes. Foto: Michael Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ist für die Geschichtspolitik der Bundesregierung zuständig. Das Thema Kolonialismus spielte darin bisher eine eher untergeordnete Rolle.

© dpa/Michael Brandt

Die Kulturstaatsministerin der Ampelregierung, Claudia Roth (Grüne), wollte den Kolonialismus in der Gedenkstättenkonzeption des Bundes verankern. Doch das Projekt kam nicht mehr zum Abschluss. Ihr Nachfolger Wolfram Weimer (parteilos) nahm die Pläne zurück. Zu groß sei die Gefahr, dass durch ein Nebeneinander im selben Konzept die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert würden.

Einen „würdigen Gedenkort“, wie es im Koalitionsvertrag heißt, will er trotzdem schaffen. Nun hat er sich festgelegt: Der Zuschlag geht nach Bremen.

Warum Bremen?

Ein Blick zurück: Im April 1883 landete die Expedition des Tabakhändlers Adolf Lüderitz in der später nach ihm benannten Bucht im Süden Afrikas. Der unter betrügerischen Bedingungen zustandegekommene Landkauf-Vertrag, den seine Gesandten mit dem örtlichen Nama-Kapitän abschlossen, brachte ihm nicht nur den Spitznamen „Lügenfritz“ ein, sondern legte auch den Grundstein für die Kolonie Deutsch-Südwestafrika – das Herzstück des deutschen Kolonialreichs, auf seinem Höhepunkt das drittgrößte der Welt.

Kolonialisierung des afrikanischen Kontinentes um 1914

© Wikipedia I Tagesspiegel/Rita Boettcher

Lüderitz kam aus Bremen. Die Kaufmannsstadt an der Weser profitierte massiv von der Ausbeutung der kolonialen Besitzungen des Reichs. Neben Hamburg ist Bremen die Stadt in Deutschland, die am stärksten durch den Kolonialismus geprägt wurde.

Das gilt auch für seinen Außenposten am Meer, Bremerhaven. Hier hielt Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1900 vor Soldaten, die zur Niederschlagung des Boxeraufstands nach China entsandt wurden, die sogenannte „Hunnenrede“. Sie verweist auf die dunkelste Seite der deutschen Kolonialvergangenheit.

„Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“, ordnete der Kaiser damals an. Wie der Name des Hunnenkönigs Etzel, „so möge der Name ‚Deutscher‘ in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.“

Die Niederschlagung des Boxeraufstands war bei Weitem nicht der einzige brutale Gewaltakt deutscher Kolonialtruppen. Im Maji-Maji-Aufstand starben zwischen 1905 und 1907 in Deutsch-Ostafrika geschätzt zwischen 75.000 und 300.000 Menschen, viele durch gezieltes Aushungern. Der Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika forderte rund 100.000 Opfer.

Grüne kritisieren mangelnde Finanzierung

Glaubt man Weimers Ankündigungen, soll an all das in Bremen bald noch stärker erinnert werden. Allerdings sind im Haushalt 2027 keine eigenen Gelder für den Gedenkort vorgesehen. Der am ehesten infrage kommende Haushaltstitel „Globaler Süden“ enthält nur 500.000 Euro, die zum Großteil schon für den Regelbetrieb anderer Projekte verplant sind. „So kann nichts Ambitioniertes entstehen“, sagt Awet Tesfaiesus, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, dem Tagesspiegel. „Es darf auf keinen Fall sein, dass Weimer irgendwo ein Schild aufstellen wird und hofft, dass sich die Sache damit erledigt hat.“

Tesfaiesus sagt, es brauche einen lebendigen Lern- und Erinnerungsort, etwa ein Museum mit abgeschlossener Forschungsstelle. „Dafür braucht es ein Konzept, Personal, Räume, Bildungsangebote und eine langfristige institutionelle Struktur. Mit so wenig Geld wird das aber kaum möglich sein.“

Plenarsitzung im Bundestag in Berlin Awet Tesfaiesus Bündnis 90/Die Grünen während der Sitzung des Deutschen Bundestags am 23.03.2022 in Berlin. Berlin Bundestag Berlin Deutschland *** Plenary session in the Bundestag in Berlin Awet Tesfaiesus Bündnis 90 Die Grünen during the session of the German Bundestag on 23 03 2022 in Berlin Berlin Bundestag Berlin Germany

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So über die Köpfe der Communities hinweg zu entscheiden, die Jahrzehnte lang für die Sichtbarkeit dieses Themas gekämpft haben, ist nicht in Ordnung.

Awet Tesfaiesus (Grüne)

Kulturstaatsminister Weimer hatte im Frühsommer die Kriterien benannt, nach denen der Standort ausgewählt werden soll: Gesucht werde ein Ort von „kolonialhistorischer Relevanz“ mit einer lebendigen Zivilgesellschaft vor Ort und einer guten Anbindung. Entscheidend für die Auswahl sei außerdem eine sinnvolle Einbettung in die bestehende Museumslandschaft.

In Bremen gibt es mit dem Übersee-Museum bereits ein ethnologisches Museum, die Stadt unterhält eine Partnerschaft mit Namibias Hauptstadt Windhuk. An der Weser hat man sich bereits interessiert an dem Projekt gezeigt. Im August beschlossen die an der Regierung beteiligten Grünen in einem Positionspapier, sich für den Gedenkort bewerben zu wollen. Auch die Direktorinnen des Auswandererhauses in Bremerhaven und des kulturhistorischen Focke-Museums äußerten im Weserkurier ihr Interesse zur Mitarbeit.

Auf Anfrage erklärte Weimers Sprecherin, dass mit den Verantwortlichen in Bremen derzeit noch besprochen werde, wie der Gedenkort konkret ausgestaltet werden soll und welche Institutionen vor Ort eingebunden werden.

Problematisch ist aus Sicht von Tesfaiesus, wie die Entscheidung zustande gekommen sei: „Sicherlich ist Bremen ein guter Ort, um an die Verbrechen des Kolonialismus zu erinnern. Aber so über die Köpfe der Communities hinweg zu entscheiden, die Jahrzehnte lang für die Sichtbarkeit dieses Themas gekämpft haben, ist nicht in Ordnung.“

Weimer plant, im Herbst ein Papier mit Handlungsfeldern vorzulegen, das mehr Details über die geplante Ausgestaltung des Gedenkorts enthalten wird. Seine Sprecherin betont: dieses Konzept verstehe sich „als Vorschlag und Einladung zum Dialog im Prozess zur Aufarbeitung des Kolonialismus“.