Verschleppt und gefoltert: Wie queere Menschen in der Ukraine unter dem Krieg leiden
Über die Schicksale queerer Menschen in Kriegen hat der US-amerikanische Journalist und Fotograf J. Lester Feder mehrfach berichtet, etwa in Syrien, im Irak und in Afghanistan. Doch niemals konnte er ihre Namen verwenden oder Gesichter zeigen. Diese relative Unsichtbarkeit queerer Menschen in Kriegsgebieten führte oft dazu, dass sie bei Friedenssicherung, humanitärer Hilfe und juristischen Aufarbeitungsprozessen nach Kriegsende übergangen wurden.
Als Russland seinen Krieg gegen die ganze Ukraine begann, reiste Feder in das Land und in die Nachbarstaaten, um queere Menschen über ihre Erfahrungen zu interviewen, vermittelt zunächst über lokale NGOs.
Er fragte dabei erst eher nebenbei, ob er die Interviewten auch fotografieren könnte. Feder ging davon aus, dass die meisten wie in anderen Kriegen ablehnen würden. Doch sie begannen zuzustimmen. Und so entstand ein „beispielloses Zeugnis einer queeren Gemeinschaft im Krieg“, wie Lester es selber nennt. Daraus entstand ein Buch, einige der erzählten Schicksale queerer Menschen in der Ukraine dokumentierten wir hier.

Oleksii Polukhin Elektroschocks im Straflager
Oleksii Polukhin war das erste LGBTQ+-Opfer russischer Verfolgung, das seinen Fall den ukrainischen Ermittlern für Kriegsverbrechen meldete. Das ist immer noch ein großes Risiko in einem Land, in dem Homophobie weiterhin tief verankert ist. Seine Aussage trägt dazu bei, zu dokumentieren, wie Russland Homophobie als Kriegswaffe einsetzt.
Im Mai 2022 hatten russische Soldaten Polukhin an einem Kontrollpunkt im besetzten Cherson gestoppt. Sie zwangen ihn, sein Handy zu entsperren, fanden LGBTQ+-Telegram‑Kanäle und beschimpften ihn als „Schwuchtel“. Sie zwangen ihn auch, sich nackt auf offener Straße auszuziehen, schlugen ihn und brachten ihn mit verbundenen Augen in eines der berüchtigtsten Gefangenenlager von Cherson. Dort versuchten seine Peiniger ihn dazu zu bringen, Aufenthaltsorte anderer Aktivisten preiszugeben. Polukhin überstand Schläge, Elektroschocks und sexualisierte Gewalt.
Heute lebt Oleksii Polukhin in Lwiw, er arbeitet ehrenamtlich für die ukrainischen Verteidigungskräfte und unterstützt die Staatsanwaltschaft dabei, ihre Arbeit mit Überlebenden von Kriegsverbrechen zu verbessern.



