Pädophiliedrama „Gentle Monster“ im Kino: Der blinde Fleck in der eigenen Familie

Männer haben die Popmusik um einige unvergessliche Lieder über die Liebe bereichert. Aber warum fällt es ihnen so schwer, über Gefühle zu reden? Eine Frage, die zu einer akademischen Abhandlung einlädt – oder als Inspiration für weitere popmusikalische Werke, im weitesten Sinne, dienen kann. Die französische Pianistin Lucy (Léa Seydoux) hat sich eine Karriere aus der Dekonstruktion von bekannten Popsongs aufgebaut, darunter auch schlimme Ohrwürmer.

Am Anfang des Dramas „Gentle Monster“ versucht sie sich an dem Schmachtfetzen „Would I Lie to You?“ von Charles & Eddie. Bei Live-Konzerten lehnt sie sich mit ihrem ganzen Körper in diese Komposition männlicher Leidensfähig- und Gefühlsduseligkeit, bis zur totalen Dissonanz.

Der sprechende Songtitel ist ein gar nicht mal so subtiler Fingerzeig auf das, was die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer in ihrer ersten internationalen Produktion bewegt. (Eine andere „Coverversion“ Lucys ist die New-Wave-Hymne „Boys Don’t Cry“ von The Cure.) Eine schmerzvolle Lüge umkreist „Gentle Monster“, die plötzlich ein ganzes Leben infrage stellt. Ein Leben, das sich nach einer mittelschweren Krise gerade erst wieder neu sortiert hat.

Philip (Laurence Rupp), Lucys österreichischer Ehemann, arbeitet als Dokumentarfilmer fürs Fernsehen und hatte einen Burn-out. Seine Mutter (Regina Fritsch) erzählt Lucy, dass er zu sensibel fürs Fernsehen sei, und wälzt die Schuld so unausgesprochen auf die Frau ab, die Karriere macht, statt sich um den gemeinsamen Sohn zu kümmern.

Männer fühlen zu wenig, Frauen zu viel

So schiebt „Gentle Monster“, der im Mai auf dem Filmfestival in Cannes seine Weltpremiere hatte, Geschlechtervorstellungen wie Vexierbilder hin und her, bis es ernst wird. Eines Morgens steht die Münchner Kriminalpolizei vor dem beschaulichen Landhaus der Familie Weiss und beschlagnahmt Philips Rechner. Sein Blick lässt erahnen, dass er den Grund der Razzia kennt.

Lucy aber, die von dem Lärm geweckt wird, steht vollkommen überfordert vor der von Jella Haase gespielten Polizistin Elsa Kühn. Die arbeitet im Dezernat „Sexuelle Gewalt und Kinderpornografie“ und geht Spuren aus dem Darknet nach. In einem der einschlägigen Pädophilennetzwerke ist auch Philip aktiv – zu Recherchezwecken für eine neue Doku, wie er zunächst beteuert. Aber da ist die Saat des Misstrauens bereits gesät.

Männer, die nicht über ihre Gefühle sprechen. Frauen, die so viel fühlen, dass sie jede noch so offensichtliche Lüge, selbst den Verrat des Partners an ihren eigenen Gefühlen, nicht erkennen wollen. Mit solchen Stereotypen macht es „Gentle Monster“ seinen beiden Protagonistinnen, deren Privatleben wie Spiegelbilder fungieren sollen, nicht gerade leicht. Ihre Darstellerinnen müssen die ganze Arbeit leisten, oft nur in feinen Nuancen, wo das Drehbuch die Konfliktlinien mit überdeutlichen Wegweisern nachzeichnet.

Seydoux durchläuft mit minimalen seismografischen Erschütterungen in ihrem Mienenspiel ein Wechselbad der Gefühle, von Entsetzen über Abscheu bis hin zu sanfter Hoffnung, wenn Philip ihr immer wieder neue Erklärungen für seine Internet-Aktivitäten gibt. Sein letzter Versuch, seine angekratzte Männlichkeit als Familienversorger vorzuschieben, kann aber selbst bei der treuherzigsten Ehefrau nur noch Fassungslosigkeit auslösen. Während Elsa bei der naiven Vorstellung, man könnte sich mit dem Verkauf von Kinderpornografie im Internet ein Eigenheim finanzieren, nur ratlos mit dem Kopf schüttelt.

Auch ihre Mutter, gespielt von Catherine Deneuve, konfrontiert Lucy zunächst mit Vorwürfen, ohne die Gründe zu ahnen, warum die Tochter plötzlich wieder mit dem Enkel bei ihr einzieht.

Passive Komplizenschaft in Fällen von pädosexueller Gewalt

Haase hat als abgebrühte Ermittlerin etwas weniger zu tun als Seydoux: Der weibliche Battlerap, der in ihrem Auto läuft, muss als grobe Charakterisierung reichen. Elsa selbst beschreibt sich als Einzelkämpferin, die niemandem über den Weg traut, schon gar nicht Männern. Ihre Probleme zu Hause unterscheiden sich aber gravierend von den Herausforderungen, vor denen Lucy steht.

Sie kümmert sich um ihren dementen Vater (Sylvester Groth), der sich immer wieder an seinen Pflegerinnen vergreift. Aber so sehr sie auch die Selbstlügen verachtet, mit denen sich Lucy vor der Erkenntnis zu schützen versucht, dass ihr Ehemann pädosexuelle Neigungen hat (und diese vielleicht auch an ihrem Sohn auslebt?), so wenig kann sie sich das missbräuchliche Verhalten des eigenen Vaters eingestehen.

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Es geht „Gentle Monster“ nicht um eine Empörung über die Taten der Männer; die Frauen stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Was Lucys Situation, neben der Unwissenheit, so unerträglich macht, ist das Warten. Die Ermittlungen ziehen sich, das Misstrauen ist da, aber gleichzeitig auch eine Hoffnung, dass sich das Ganze als Irrtum herausstellt. Sie unternimmt sogar den Versuch, ein normales Familienleben zu simulieren.

Als Familiendrama hat „Gentle Monster“ – auch der Titel ist da wenig subtil – Züge eines Horrorfilms. Kreutzer zeigt mit erschütternder Nüchternheit, wie sich eine Familie – und mit ihr alle Gewissheiten – langsam vor unseren Augen auflöst. Harmlose Familienvideos wecken plötzlich einen aussprechlichen Verdacht. Diese Verunsicherung schwingt noch in der Schlussszene mit, in der Lucy scheinbar unbeschwert auf dem Trampolin ihres Sohnes hüpft.