Mechanik der Sprachindustrie

Den Herrschaften von der „Neuen Preußischen Kreuzzeitung“ – Eisernes Kreuz im Logo – gefiel das nicht. Als Erik Reger 1931 für seinen Ruhrgebiets- und Industrie-Roman „Union der festen Hand“ mit dem Kleistpreis ausgezeichnet wurde, sah das rechtskonservative Blatt darin den Ausdruck einer „Protektionswirtschaft der Cliquen und Gesinnungsgruppen“ und einen Beleg für den „Verfall jeder kritisch objektiven Basis zugunsten höchst einseitiger und augenblicksbedingter Begeisterungsanfälle“.

Unfreiwillig liefern diese Einlassungen bereits Material für eine Sprachkritik, wie sie Erik Reger betreibt und wie sie heute immer noch aktuell ist: Vertreter einer herrschenden Ideologie fühlen sich herausgefordert und erklären diese für objektiv, allgemeingültig, zeitlos. Kritik daran ist subjektiv, bloße Gesinnung einiger weniger, Zeitgeist.

Mit der Neuauflage im Schöffling-Verlag ist das literarische Hauptwerk des späteren Tagesspiegel-Gründers jetzt wieder lieferbar, erstmals auch als E-Book. Verlagsgründer Klaus Schöffling hatte es noch vor der Übernahme seines Verlags durch Daniel Kampa ins Programm genommen.

Motiviert hatte ihn nicht zuletzt das große Interesse an den Neuauflagen der Werke Gabriele Tergits („Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, „Effingers“), Zeitgenossin Erik Regers, die dann auch mit ihm beim Tagesspiegel zu tun hatte.

Aber Vorsicht: Die „Union der festen Hand“ ist kein Ruhrpott-Stück der Kampf- und Kumpelromantik. Auch als Industrie- und Bergbauroman wäre das Buch inzwischen aus der Zeit gefallen. Regers Werk ist vor allem deshalb heute lesenswert, weil es politisch motivierte Sprachproduktion durchdringt und deren Mechanismen veranschaulicht, einen Bewusstseinsbetrieb analysiert.

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Wirkt bei Tergit, deren Romane sich auch mit Diskurs und Mythisierung befassen, der Blick für Ungleichzeitigkeiten gegenwärtig („mittelalterliche Armee der Dummheit und Grausamkeit hielt Manöver ab bei elektrischem Licht, Staubsaugern und Zentralheizung“), so ist es bei Reger die Vergemütlichungs- und Normalisierungs-Strategie, die kritische Gedanken und womöglich daraus erwachsende revolutionäre und reformatorische Handlungen erstickt

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Tagesspiegel-Gründer Erik Reger
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27.09.2017 07:52Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger…

Die Methoden sind Schuldverlagerung, Halbwahrheiten, Strohmann-Argumente, Schwulst und Bullshit, bei dem es auf Wahrheit oder Lüge gar nicht mehr ankommt, sondern nur noch auf Wirkung. Von der sozialen Ungleichheit über die Gefahr eines neuen Faschismus bis hin zur alles umfassenden Klimakatastrophe ist es heute ebenso wichtig wie damals, derartige Kommunikation zu durchschauen und zurückzudrängen.

„Jemand, der zwar alle Tage lügt, aber die Lüge in den Rang einer rituellen Wahrheit erhoben hat, kann nicht mehr dadurch unschädlich gemacht werden, daß man ihm von Fall zu Fall eine Lüge nachweist.“ Diesen von den Nazis bis zu Trump und Putin gültigen Satz schrieb Reger in seiner Artikelfolge „Naturgeschichte des Nationalsozialismus“, die 1931 in der „Vossischen Zeitung“ erschien.

Bis heute gibt es ehrbare Publizistik und Politik, die davon ausgeht, den rituellen Lügnern und Bullshit-Strategen mit Faktenchecks und Gegenargumenten beikommen zu können. Dabei wäre es im Sinne von Demokratie, Emanzipation und Vielfalt wichtiger, eigene wirkmächtige Erzählungen zu entwickeln, statt sich immerfort am Gegner abzuarbeiten.

Die Lüge als rituelle Wahrheit steht auch im Mittelpunkt der „Union der festen Hand“. Der Roman beschreibt auf zwei Ebenen – Arbeit und Kapital – die Zwanzigerjahre im Ruhrgebiet. Es ist ein Roman ohne echte Protagonisten. Es geht um Typen und Gruppierungen.

Auf der einen Seite das Ensemble der Industriellen, die sich in einer Art Loge, der „Union der festen Hand“, zusammentun. Namentlich verfremdet, aber erkennbar sind etwa der NS-Finanzier Fritz Thyssen, der „moderne“, die Wichtigkeit der kommunikativen und kulturellen Manipulation erkennende Industrielle Hugo Stinnes, der Krupp-Generaldirektor und Medienunternehmer Alfred Hugenberg oder der zunächst zaudernde, dann einschwenkende Gustav Krupp von Bohlen und Halbach.

Auf der anderen die Arbeiter:innen: Gängigen Roman-Hauptfiguren am nächsten kommen der Kranführer, Kommunist und Gewerkschafter Adam Griguszies und seine Schwester Paula, die ebenfalls für den alles umfassenden Industriekonzern tätig ist. Während sich Paula arrangiert und ins Kleinbürgertum aufsteigt, ohne dabei sich selbst zu verleugnen, durchläuft Adam einen Parcours der Desillusionierung.

Der Kampfesmut der Revolution geht in den Weimarer Jahren über in Institutionalisierung, Anpassung und Kompromisszwang und mündet in die Erkenntnis, dass er und die Menschen, die er vertritt, dem Macht- und Diskursvorsprung der Herrschenden wenig entgegensetzen können – und vielfach auch gar nicht wollen.

Nach der „Union der festen Hand“ schrieb Reger noch einen neusachlich politischen Roman, „Das wachsame Hähnchen“. Kommunalklüngel und regionaler Größenwahn in rheinisch-westfälischen Städten sind die Themen des Buchs. In der Zeit des Nationalsozialismus publizierte Reger „innerliche Texte“, wie es der Literaturwissenschaftler Erhard Schütz nennt, „Kindheitserinnerungen, Liebes- und Landschaftsromane“.

Seine Weimarer Schriften, gipfelnd in der kleistpreisgekrönten „Union der festen Hand“, nutzte Reger später als Zeugnis seiner antifaschistischen Haltung. Offizieren der Roten Armee legte er „das Buch“ in seinem Haus in Mahlow südlich von Berlin vor, ständig in Sorge, dass sein einziges russisches Exemplar dann doch so viel Interesse wecken könnte, dass es einer der Rotarmisten mitnähme, er es nicht wieder sähe und es bei der nächsten geplanten Requirierung im Hause Reger nicht mehr als Schutzschild nutzen könne.

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Auch bei den Amerikanern kam er mit seiner publizistischen Vita gut an und wurde schließlich mit der Tagesspiegel-Gründung betraut. Wiederholt schrieb Reger, dass es darauf angekommen wäre, vor dem Sieg der Nazis alles gegen deren Aufstieg zu tun – und dass es künftig wieder darauf ankommen könnte. Nachher sei Widerstand schwierig bis aussichtslos.

Die „Union der festen Hand“ wirkt dabei wie ein Kronzeugen-Beweisstück für Regers Wirken und damit auch den Tagesspiegel in der Nachkriegszeit. Die „innere Emigration“ – nicht nur Reger, sondern auch die anderen Gründer blieben während der Nazijahre in Deutschland – wurde zu einer Art Norm, die bis hin zu unerträglichen Ausfällen gegenüber Emigrierten führte.

Auch das Scheitern der Zusammenarbeit mit der Londoner Korrespondentin Gabriele Tergit dürfte damit zusammenhängen. Aus Exil und Emigration heraus wollten sich die Gebliebenen nicht sagen lassen, was denn wohl jetzt die entscheidenden Fragen zur Nazi-Zeit wären.

Dies im ansonsten durchaus nicht reaktionären Nachkriegs-Tagesspiegel. Zum Beispiel waren Verunglimpfung der Nürnberger Prozesse oder der zunächst unter alliierter Führung strikteren Entnazifizierung als „Siegerjustiz“ hier im Kontrast zu anderen Blättern nicht verbreitet.