Im Tagesspiegel vor 80 Jahren: Hier gärtnert der Chef noch selbst

Von den „Freunden aus der Stadt“ gab es hin und wieder milden Spott oder unzureichend verhülltes Unverständnis für den Zeitungsgründer, der mit heiligem Ernst gärtnerte. In dem, was Erik Reger regelmäßig im Tagesspiegel darüber schrieb, klang das Verkanntwerden gelegentlich an.

Dabei ging es seiner Frau Christine und ihm bei der gemeinsamen Gartenarbeit auch ums Notwendige neben dem Schönen: „So eilten wir von Arbeit zu Arbeit“, heißt es am 4. Mai 1946, „bald um die Blumen, die wir nicht entbehren wollen, bald um das Gemüse besorgt, das wir nicht entbehren können.“ Wovon auch die Freunde aus dem kriegszerstörten Berlin profitierten, ein Jahr nach der Kapitulation.

„Wir auf dem Lande …“: Entsprechend selbstbewusst hatte Erik Reger gleich in der ersten Zeitungsausgabe vom 27. September 1945 sein „Landtagebuch“ begonnen. Schon das lateinische Pseudonym „Campester“ („der auf dem Feld“) deutet an, dass hier nicht nur grüner Daumen, sondern auch gelehrter Geist am Werk war. Diese Gartenkolumne war ein Ritt durchs Bildungsbürgerliche: Ricarda Huch („Blütenbrände“), Theodor Storm („des vollsten Lebens Schauer“), Detlev von Liliencron („Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen“), Eduard Mörike („o himmlischer Frühling“).

Umgekehrt schrieb der Zeitungsgründer in einer eigentümlich prägnanten Betrachtung den Bombenschäden in der Stadt eine überraschende Wirkung zu: eine Art sinnliche, womöglich seelische Renaturierung.

Dies gleich zu Beginn der Kolumne am 27. September 1945, dem ersten Erscheinungstag des Tagesspiegels.

Die Zukunft lag für Familie Reger schon bald wieder in der Stadt, wenn auch fortan im grünen Außenbezirk Zehlendorf, Ortsteil Nikolassee. Das „Landtagebuch“ wurde fortgesetzt, „Campester“ zog sich zurück.