Im Irrgarten: Die Gruppenausstellung „Forking Paths“ in der Galerie Esther Schipper.

Eine Gruppenausstellung gut zu kuratieren, ist eine Kunst für sich. Das gilt besonders, wenn Künstlerinnen und Künstler mit unterschiedlichen kulturellen und identitären Prägungen zusammenkommen. Es wird spannend, wenn nicht nur Herkunft oder Geschichte, sondern das Thema selbst die Verbindung der Gruppe schafft. Wie überzeugend das gelingen kann, zeigt die Schau „Forking Paths“ in der Galerie Esther Schipper.

Garten der verschlungenen Wege

In Anlehnung an Jorge Luis Borges’ Erzählung „The Garden of Forking Paths“ versammelt die Ausstellung Arbeiten von acht taiwanesischen und italienischen Künstlerinnen wie Künstlern. Borges beschreibt in seiner Erzählung eine Wirklichkeit, in der sich verschiedene Möglichkeiten parallel entfalten. Die Ausstellung übersetzt diesen Gedanken in eine labyrinthische Raumstruktur.

"Forking Paths, Esther Schipper", Fotocredit: Andrea Rossetti
Den großen Raum der Galerie strukturieren diesmal dunkle Vorhänge.

© PR/Andrea Rossetti

Erdfarbene Vorhänge verdecken einzelne Werke und schaffen einen Rundgang ohne festgelegten Anfang oder Ende. Die Ausstellung erschließt sich nicht über eine lineare Dramaturgie, sondern über das Thema.

Geflechte sind hier ein zentraler Bestandteil. Schon beim Betreten der Galerie fällt der Blick auf die Videoinstallation des taiwanesischen Künstlers Hsu Chia-Wei. Vier Monitore sind durch wurzelartige Kautschukpflanzen verbunden. Die Arbeit verhandelt die niederländische Kolonialherrschaft in Indonesien und den Kautschukanbau, indem sie historische Archivaufnahmen mit KI-generierten Bildern verbindet. Dabei stellt sich die Frage, wie Vergangenheit durch Bilder erzählt und verändert wird.

Neue Motive, alte Tradition

Auch die Arbeiten des italienischen Künstlers Roberto de Pinto sind von verwobenen Naturelementen geprägt. Auf seinen Gemälden ist eine männliche Figur zu sehen, deren Körper Blumen und Perlen schmücken. Die zarten Bildelemente bilden einen Kontrast zur rau wirkenden Oberfläche. Dank der antiken Maltechnik Enkaustik, bei der Wachs, Kohle und Pigmente miteinander gemischt werden, erhält die Oberfläche eine freskenartige körperliche Präsenz.

Die Verbindung von traditioneller Technik und modernen Motiven setzt sich bei dem taiwanesischen Künstler Tseng Chien-Ying fort. Hinter einem Vorhang tritt seine Arbeit „Osmosis“ hervor und zeigt zwei junge Männer, die auf getrennten Leinwänden in einem See baden. Ihre schüchternen Blicke lassen eine stille Nähe entstehen, während die Teilung des Bildes ihre Distanz betont.  

Die Skulpturen aus Federico Tosis Serie „Very Happy Old People“ (2026).

© PR/Andrea Rossetti

Die Ausstellung lässt einen im Geflecht aus Begegnungen und Übergängen treiben. Ein taiwanesisches Sprichwort beschreibt es treffend: „Qū jìng tōng yōu: Ein gewundener Pfad führt zu einem verborgenen Ort.“