Humboldt Forum in Berlin: Das Museum Europäischer Kulturen gehört hinein!
Das Humboldt Forum feiert Geburtstag. So ziemlich alle, die dessen Arbeit intensiver verfolgen – also nicht nur die Dauerdebatten um rechtsradikale Fassadenstifter, die Fassaden selbst, die Kuppelinschrift mit ihrer Forderung, die Menschheit müsse sich Christus unterwerfen – erkennen an: Hier hat sich mit dem ersten wirklichen Intendanten Hartmut Dorgerloh sehr viel getan, gerade im kritischen Blick auf die europäische und deutsche Geschichte, den Kolonialismus und Rassismus.
Man kann am Programm immer noch vieles kritisieren: dass etwa die Kulturen des arktischen Nordens fehlen, dass zu wenig über Architektur erzählt wird, über Kriege, Wirtschaft, den Umgang mit Minderheiten. Vor allem aber konnte Dorgerloh den zentralen Geburtsfehler des Humboldt Forums nicht bereinigen: Es fehlen Europas Kulturen, ihre Vielfalt, ihre immense Ausstrahlungskraft. Das Museum Europäischer Kulturen musste nämlich in Dahlem bleiben. Auch deswegen erscheint (West-)Europa im Humboldt Forum fast nur als Kulturvernichter, Unterdrücker und Ausbeuter. Stimmt alles.
Europa hat Gutes wie Schlechtes exportiert
Aber wie erklärt sich dann der Welterfolg des von Europa exportierten Christentums? Oder derjenige von Verfassungs- und Rechtsstaatlichkeit, parlamentarischer Demokratie, Kapitalismus, Sozialismus, sorgendem Sozialstaat und Minderheitenschutz, auch der Katastrophen des Totalitarismus?
Der europäische Herrenanzug wurde zur Weltmode, europäische Tonalität zur Weltmusik. Und ging nicht die Selbst-Kolonisierung Europas im Norden, im heutigen Russland, in der Ukraine, auf dem Balkan, in Sizilien, auch in Nord- und Süddeutschland der Kolonisierung Außer-Europas meist voran?
In den Washingtoner Museen der Smithsonian Institution, im Pariser Centre Pompidou oder der Cité de la Musique werden solche Perspektiven längst betont, die Polka als Nationaltanz nordostamerikanischer Völker gezeigt, der Einfluss von Schwarzen auf das Pariserische. Berlin dagegen hält fest an der historisch völlig absurden Trennung zwischen „europäisch“ und „außereuropäisch“, „Hoch-“ und „Volkskulturen“.
Derzeit wird in den Staatlichen Museen debattiert, die Ausstellungen im Humboldt Forum zu „verdichten“. Das ist Museumssprech für „weniger zeigen“. Und auf gar keinen Fall will man die bisher mit Berliner Lokalgeschichte bespielten Flächen übernehmen, aus Angst vor den Folgekosten.
Das ist genau der falsche Ansatz. Wir brauchen endlich die Ausweitung des Blicks auf das Netzwerk, das Kulturen nun einmal sind. Kurz: Platz und Geld für Europa in der Welt sollte das sich selbst doch immer als weltoffen feiernde Land Berlin stiften.