Glanz von innen: Nachruf auf den Dirigenten Herbert Blomstedt

„Tradition, Selbstverständlichkeit, Schlüssigkeit der Form sind Epitheta, mit denen das Musizieren des Dirigenten Herbert Blomstedt umschrieben wurde, rühmend und zugleich ein wenig einschränkend. Dass es dem Bruckner-Interpreten gelang, etwa in der siebenten Symphonie Phrasen wie schlanke goldene Brücken zu bauen, die tiefen Streicher wie mit einer Stimme singen zu lassen, in jedem Fortissimo bei vollem Blech Eleganz zu wahren, das war sein Dienst am Werk.“

Den Zauber Herbert Blomstedts dürfte kaum jemand je besser auf den Punkt gebracht haben als die ehemalige Tagesspiegel-Kritikerin Sybill Mahlke in diesen Zeilen. Aus dem Jahr 2012 stammen sie zwar, treffen aber ebenso gut auf das Jahrzehnt danach wie das davor zu: In einem Interview 2022 im „Van-Magazin“ bestand Blomstedt selbst noch darauf, genau derselbe zu sein „wie vor siebzig Jahren“.

In demselben Gespräch gestand er, auf seine Kindheit Bezug nehmend, was wohl niemand gedacht hätte, der ihn je live erlebt hat: dass er vom Typ her „eigentlich eher ein Choleriker“ sei. Und vielleicht muss man das Cholerische, das seit jeher mit einem bestimmten Künstlerideal verbunden wird, auch bei Blomstedt mitdenken – als Voraussetzung für seine Überwindung dieses Ideals nämlich, als Hintergrund, von dem er seinen Stil absetzen konnte. Er hatte den berüchtigten Toscanini noch mehrfach erlebt, den autoritären Karajan wie den einschüchternden Furtwängler.

Behutsamer, aber nachhaltiger Erneuerer

Am Leipziger Gewandhaus wird die „behutsame, aber nachhaltige“ Erneuerung bis heute erinnert, die Blomstedt als Nachfolger des „Durchpeitschers“ Kurt Masur 1998 mitbrachte. Masur war dafür berüchtigt, Musiker bei Patzern direkt aus der Probe heraus zu feuern. Blomstedt aber hatte etwas für sich entdeckt, das weder autoritäre Pultdiktatur war noch das am Pult ohnehin aussichtslose Laissez-faire: Er sah das Orchester nicht als zu überwindendes Problem auf dem Weg zur Musik, sondern als Partner. Er erkannte die Hingabe der Orchestermusiker ebenso bedingungslos an wie ihre Kompetenz. Die einzige Autorität, der man gemeinsam diente, hieß Musik.

Auch deshalb galt der in Stockholm, New York, Darmstadt und Basel Ausgebildete als akribischer Partiturleser, als Analytiker, der sich zu jedem Detail einen Gedanken notierte, den er den Musikern vermittelte, statt ihn qua autoritärer Geste zu diktieren. So versuchte er stets auch, seinen geliebten Bruckner aus der Partitur heraus zu argumentieren, allen Vorbehalten von Orchestern und Publikum zum Trotz.

Wie sehr „seine“ Orchester ihn schätzten, ist leicht an den vielen Einladungen zu erkennen, die den am 11. Juli 1927 in Springfield (USA) geborenen Dirigenten bis zuletzt als Gastdirigenten immer wieder zurückholten, nach Stockholm etwa, nach Dresden, San Francisco oder Leipzig, ebenso wie zu den Orchestern in Wien, Amsterdam, München und, erst letzten April wieder, Berlin. Nun ist er, neunundneunzigjährig, am 4. November in Göteborg verstorben.

Von einem „Glanz von innen, der über bloßes Vorlesen oder Buchstabieren der Partituren weit hinausreichte“, schrieb Sybill Mahlke seinerzeit. Ihr gebührt hier auch das Schlusswort: „Seine Missa solemnis, mit den Berliner Philharmonikern im Juni 2012 auswendig dirigiert, geistiger Besitz und doch eine neue Eroberung, bezeugte, dass Beethovens poetisches Glaubensbekenntnis von ihm, dem bekennenden Christen, die höchste Konzentration forderte: Liebevolle Andacht des Altmeisters war drin, Bekenntnis aus eigener Vorstellungskraft, aber auch Kraft, Begeisterung, Feuer: ‚Gloria in excelsis Deo‘.“