Die Klassik-Tipps der Woche für Berlin: Dürfen diese Männer Franz Schubert spielen?

Seit über 20 Jahren macht das New Yorker Streichquartett Brooklyn Rider zusammen Musik. Von ihrer Experimentierfreudigkeit und Offenheit zeugt das spannende Programm bei ihrem Konzert im Pierre Boulez Saal.

Dazu haben wir zwei Liederabende im Angebot, Elektronisches mit dem RSB, zwei Schlüsselwerke von Robert Schumann und Sie erfahren, was Maler Norbert Bisky im Kammermusiksaal treibt.

Das sind unsere Klassik-Tipps der Woche.

1 Vilde Frang & das DSO

Vilde Frang Violine
Violinistin Vilde Frang spielt Schumanns Violinkonzert

© Marco Borggeve

Der berühmte Klangkosmos von Gustav Mahler, der die ganze Welt in Töne fasst, zeichnet sich bereits in seiner 1. Sinfonie ab. Verliebt in Marion von Weber, die mit einem Enkel von Carl Maria von Weber verheiratet war, schreibt er die Sinfonie in nur sechs Wochen. Wie sein Leben damals, hören wir 50 Minuten emotionaler Extreme. Als „Symphonische Dichtung“ 1889 uraufgeführt, arbeitet sie Mahler mehrmals um.

In einem emotionalen Ausnahmezustand könnte sich auch Robert Schumann befunden haben, als er 1853 sein Violinkonzert komponiert. Immer wieder mit psychischen Problemen kämpfend, lässt er sich kurz darauf in eine Klinik einweisen. Das lyrische Werk wird erst 80 Jahre später uraufgeführt. Vilde Frang spielt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Manfred Honeck. Julia Perrys „A Short Piece for Orchestra“ eröffnet den Abend.

2 Jazzik Electrolights mit dem RSB

Zubin Kanga - Klavier, Keyboards, Stacco (KI-Synthesizer)
Pablo Ferrández spielt Schumanns Cellokonzert

© Mario Wurzburger

Robert Schumann geht es gut (siehe Tipp 1), als er 1850 sein Cellokonzert komponiert. Er wird Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf und ist endlich einmal ohne finanzielle Sorgen. Schumann komponiert in dieser Zeit auch seine „Rheinische“ Sinfonie. Also zwei seiner beliebtesten Werke entstehen in dieser Zeit.

Die drei Sätze des „heiteren“ (Schumann!) Cellokonzerts gehen ineinander über. Es gilt als Inspiration für Saint-Saëns, Dvořák und Elgar. Mit dem Konzerthausorchester spielt der spanische Cellist Pablo Ferrández. Am Pult steht Riccardo Minasi.

Nach der Pause folgt Brahms’ 4. Sinfonie, ein Freund Schumanns. Das Konzert wird an drei Tagen gespielt.

4 Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker und Norbert Bisky

Maler Norbert Bisky
Mezzosopranistin Susan Zarrabi

© Jan Windszus

Ihr Programm haben sie „Geschwisterliederleben“ genannt, die Geschwister Susan und Sascha Zarrabi. Sie Mezzosopranistin, er Tenor. Die Idee zu diesem ersten gemeinsamen Liederabend habe sich fast von selbst ergeben. Seit ihrer Kindheit musizieren sie zusammen.

Viele wissen, das Verhältnis zwischen Geschwistern ist meist eng, aber nicht immer rosig. Zu hören sind Lieder von Geschwistern wie Joseph und Michael Haydn oder Fanny und Felix Mendelssohn. Wie auch von den Boulanger-Schwestern Nadia und Lili. Aber auch Lieder, die das Thema als Inhalt haben, wie Robert Schumanns „Die feindlichen Brüder“.

Sascha Zarrabi Tenor
Sopranistin Rachel Willis-Sørensen singt Werke von Rachmaninow, Sibelius und Strauss

© OLIVIA KAHLER

Bei ihrem Recital singt Rachel Willis-Sørensen ein Lied, zu dem sie selbst den Text geschrieben hat. Zu der Uraufführung des für sie komponierten Zykluses „Our Better Selves“ von Jeff Beal, schrieb sie „How can it be!?“. Auch die anderen drei Lieder sind Gedichte von Frauen. Der Komponist persönlich begleitet am Klavier.

Dazu singt die US-Sopranistin, die im Vorjahr die Norma an der Staatsoper sang, Rachmaninows Sechs Romanzen, Fünf Lieder op. 37 von Sibelius und Werke von Strauss, darunter das wunderschöne „Morgen“. Hier am Klavier: Tamar Sanikidze.

7 Brooklyn Rider

Brooklyn Rider Streichquartett

Menschen würden sich immer mehr in Nischen zurückziehen, sagte Colin Jacobsen damals. „Man braucht also Spezialisierung, um den Lärm zu durchbrechen und die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. Aber das tun wir nicht. Wir sind bei diesem offenen Ansatz geblieben.“ Sie haben bereits mit Star-Cellist Yo-Yo Ma, Sopranistin Anne Sofie Otter und Jazz-Saxofonist Joshua Redman zusammengearbeitet. Eine enge Verbindung gibt es zu Komponist Philip Glass, dessen Streichquartette zentraler Bestandteil ihres Repertoires sind.

Diese Experimentierfreudigkeit spiegelt sich in ihrem Programm im Pierre Boulez Saal, das sich über ein Jahrtausend erstreckt und zwischen Licht und Schatten bewegt. Den Auftakt machen eine Auswahl der Zwölf Präludien für Klavier von Galina Ustwolskaja (1919-2006), die das Ensemble für Streichquartett bearbeitet hat. Die oft asketischen Werke der eigenwilligen Schülerin Schostakowitschs passten in keine Schublade und den Sowjet-Diktatoren schon gar nicht. Auch György Ligeti hatte in Ungarn Probleme, seine Werke aufzuführen. Brooklyn Rider spielen sein erstes Streichquartett „Métamorphoses nocturnes“, das in der Tradition Bartóks steht. Es folgt Hildegard von Bingens 1000 Jahre alte Antiphon „Caritas abundat in omnia“ („Alles ist erfüllt von Liebe“).

Im Zentrum steht Franz Schuberts letztes, rund 45 Minuten langes Streichquartett G-Dur. Das fast sinfonische Werk wurde 20 Jahre nach seinem Tod uraufgeführt und erntete damals aufgrund seiner Radikalität und seines steten Dur-Moll-Wechsels Unverständnis.