Auftakt zur Art Week in den Wilhelm Hallen: Die Farben des Wassers, des Lithiums und Kupfers

Eine Schlange in der Wüste. Extrem ausgedörrter und von Rissen zerklüfteter Erdboden. Aus der Vogelperspektive könnte es sich fast um ein großes, wirkliches Kriechtier handeln. In der 3-Kanal-Video-Sound-Installation von Ivana de Vivanco wird die Szenerie gerahmt von zwei formatfüllenden menschlichen Augen und die Schlange entpuppt sich als Performerin.

Diese spielt in einem prächtigen Kostüm. Die chilenisch-peruanische Künstlerin hat jede einzelne Hautschuppe bemalt und per Hand aus der Leinwand geschnitten. Es schillert blau, grün, gelb und bronzen. „Die Farben des Wassers, des Lithiums und Kupfers, deren industrieller Raubbau die Atacama-Wüste zerstören“, sagt Ivana de Vivanco, die die Geschichte der Schlange als Kassandra in eindringlicher Ruhe und gerade darum so berührend erzählt.

Zur siebten Ausgabe der Hallen 07 wird die in Berlin lebende Professorin der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst von der Villa Merkel, der Galerie der Stadt Esslingen, präsentiert.

Temporäre Bibliothek zum Mitbauen

In den historischen Wilhelm Hallen, einer 1902 erbauten ehemaligen Eisengießerei, bietet das alljährliche Kunstfestival im Rahmen der Berlin Art Week 15 etablierte Galerien, vier Museen und vier Firmensammlungen mit insgesamt über 50 Künstlerinnen und Künstlern sowie die Bocci-Designausstellung mit 20 weltweiten Studios, die die Grenzen zwischen bildender und angewandter Kunst bisweilen auflösen.

Ebenso wie Tobias Putrih, dessen interaktive Installation die Art Collection Telekom zeigt. Mit einem Stecksystem aus Holzplatten lädt der 1972 in Slowenien geborene Künstler, der an den Akademien in Ljubljana und Düsseldorf studiert hat und derzeit am MIT in Cambridge lehrt, die Besucherinnen und Besucher ein, seine temporäre Bibliothek mit einer gemeinsamen Skulptur baulich zu ergänzen.

Dazwischen durchziehen wunderbar hintersinnige und humorvolle „Luftschlösser“ die Hallen 07, die der Berliner Konzept- und Medienkünstler Christian Jankowski in Neon-Zeichnungen pink, rot oder blau leuchten und real werden lässt.

Rot flackernde Überwältigungsstrategie begegnet uns in der LED-Installation von Andreas Gysin, mit der die Arab Bank Switzerland Art Collection angereist ist. Angelehnt an die Fassade des Pariser Institut du monde arabe schafft der Schweizer Künstler mit Echtzeit-Visualisierungen von Schrifttypen eine Art Schreibmaschinenkunst im digitalen Raum.

Raffinierte Abstraktion

Im Kontrast dazu zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg Julian Charrières immersive Video-Installation „Albedo“. Monochrome Blautöne führen in die Tiefen des Arktischen Ozeans, wo der in Berlin lebende französisch-schweizerische Künstler unterhalb der Eisdecke und zwischen den treibenden Eisbergen gedreht hat. Das Künstlerduo Bárbara Wagner und Benjamin de Burca vertritt die Schirn Kunsthalle Frankfurt und als langjährige Teilnehmerin des Kunstfestivals ist die Berlinische Galerie mit der südkoreanischen Künstlerin Jeewi Lee an Bord, die in diesem Jahr den GASAG-Kunstpreis erhält.

Das Prélude zum 50. Jubiläum der Mercedes-Benz Art Collection in 2027 bildet eine Gruppenausstellung, die sich den vielfältigen Spielarten der Abstraktion widmet. Herausragend: Katja Davars hintergründige Zeichnung „The Dog Walkers of Statistic Fields“, deren geometrische Formen, Balken- und Tortendiagramme eine komplexe Landschaft suggerieren.

Wie es sich für ein Festival gehört, wird die sehr spannende und sehenswerte Kunst von einem üppigen Begleitprogramm gerahmt – vom DJ-Set bis zum Yoga-Kurs. Kulinarische Highlights bieten (nach Anmeldung) ein Dinner des Sterne-Restaurants Irma La Douce (Sa 5.9.) sowie ein „Palindromisches Bankett“ (Sa 12.9.) des 2024 verstorbenen Eat-Art-Protagonisten Daniel Spoerri.