Zum Tod des Schriftstellers Joachim Lottmann: Selbst das eigene Sterben hat er zu einem Roman gemacht

Es klang dramatisch, was der Schriftsteller Joachim Lottmann in den letzten Tagen in sein „Langweiliges Tagebuch“ notierte, nachdem er in Wien in ein Sterbehospiz gekommen war: „Der allerletzte Akt. Von hier aus kommt keiner mehr raus“, schrieb er. Zunehmende Blut- und Atemnot plagte ihn, und schließlich, in seinem allerletzten Eintrag am Freitag, den 23. Oktober: „Ich erwarte täglich das Aus. Tod durch Ersticken.“ Am Sonntag ist Lottmann dann gestorben, drei Wochen nach seinem 70. Geburtstag.
Seit Anfang Februar dieses Jahres führte Lottmann bei Facebook und Instagram dieses Tagebuch und berichtete von seinem Sterben.
Was er dort schrieb, steht zwar unweigerlich im Zeichen der nicht mehr zu heilenden Krebserkrankung und des nahenden Todes. Aber Lottmann wollte dem Tod in seinen Zeilen nicht allzu viel Platz einräumen, trotz akuter Krisen und mehrerer Krankenhausaufenthalte. Die Grundzüge dieses Tagebuchs, im Verein mit den Fotos dazu: Haltung und Heiterkeit. Öffentlich Würde und Humor bewahren, die Verzweiflung zurückdrängen.
Was unsere Pharma-Industrie alles kann. Streichholzkleine Hightech-Geräte regeln die Sauerstoffmischung. Toll.
Joachim Lottmann in seinem „Langweiligen Tagebuch“
Am 9. Februar schrieb Lottmann: „Gestern landete ich in Berlin, um mein Leben wieder aufzunehmen, das, wie alle wissen, durch eine ekelhafte Krankheit unterbrochen worden war. (…) Schon im Flugzeug war die Laune überschwänglich gewesen.“
Oder am 5. Juli: „Wie jetzt nahezu alle Tage, war der gestrige wieder großartig und schön.“ Und am 23. Oktober, im letzten Eintrag: „Was unsere Pharma-Industrie alles kann. Streichholzkleine Hightech-Geräte regeln die Sauerstoffmischung. Toll.“
Lottmann nahm Abschied und lud alle Menschen zu sich ein, mit denen er privat und beruflich in seinem Leben zu tun hatte, also auch das Feuilleton. Nachrufe zu Lebzeiten begrüßte er ausdrücklich. Dementsprechend stolz präsentierte er in einem Eintrag zu seinem vermeintlichen 60. Geburtstag, wer in deutschen und österreichischen Zeitungen über ihn auf dem Sterbebett schon berichtet hatte. Und bemerkte dabei, dass er sein „langweiliges Tagebuch“, „wie Freunde wissen, seit 1976 schreibe“.
Sein Debütroman „Mai, Juni, Juli“ erschien 1987
So wie Joachim Lottmann aus seinem Leben versucht hat, Literatur zu machen, angefangen mit dem Debütroman „Mai, Juni, Juli“, der 1987 veröffentlicht wurde, und dessen Nachfolger „Deutsche Einheit“, so hat er das mit seinem Sterben gemacht, nahezu Tag für Tag, bis zum Ende. Wobei zu der Tragik, die einem relativ frühen Tod wie diesem ohnehin innewohnt, eine weitere Tragik gekommen ist: Lottmann war mit dem „Langweiligen Tagebuch“ erfolgreich wie nur selten in seiner Schriftstellerkarriere.
Diese Karriere weist trotz der 15 Romane, die er veröffentlicht hat, mehr Tiefen als Höhen und schon gar keine Bestsellerhöhen auf – und auch nur einen Preis, den Wolfgang-Koeppen-Preis. Der wurde ihm – das ist Usus bei diesem Preis – 2010 von seiner Vorgängerin verliehen, Sibylle Berg. Wie sagte sie es in ihrer Laudatio: „Joachim Lottmann ist für mich einer der unterschätzten Schriftsteller Deutschlands. (…) Er hat die Gabe, zu beobachten, ohne dabei zu verbittern.“
Dieses „Nie-verbittert-sein“ trifft es gut. Was Lottmann nicht davon abhielt, auszuteilen und boshaft zu sein. Wenn er seinen Erzähler zum Beispiel in dem 2015 veröffentlichten Roman „Happy End“ über die von ihm ausgewählte Koeppen-Preisträgerin Anna Katharina Hahn herziehen lässt, die hier allein den schon bezeichnenden Namen Werkmüller bekommen hat: „Die Person war genauso ungenießbar wie die sogenannte Prosa, die sie schrieb.“ Oder: „Die Sätze sind meistens nur formal richtig bei der Werkmüller, nicht aber vom natürlichen Empfinden her. (…) Es sind Kopfgeburten, die noch nicht einmal wissen, dass sie das sind.“
Joachim Lottmann konnte bei aller Freundlichkeit, die er im Umgang ausstrahlte, sehr gemein sein. Selbst in seinem Tagebuch fand er noch beleidigende Worte für die Bachmann-Preisträgerin dieses Jahres, Lena Schätte.
2010 erhielt Lottmann den Wolfgang-Koeppen-Preis
Und trotzdem: Es hatte etwas Rührendes, wie er an dem Label „Pop-Literatur“ festhielt. Wie er sich mit seiner einstigen Bekanntschaft zu Autoren wie Diedrich Diederichsen, Rainald Goetz oder Wolfgang Herrndorf schmückte. Oder wie er meinte, stetig der „Jugend von heute“, so einer seiner Romantitel, auf die Spur kommen zu müssen.
Joachim Lottmann ist mehr noch als ein leichthändiger Erzähler und Lebensmitschreiber ein Original gewesen. Als ein solches wird er der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sehr fehlen.