Keller des Techno-Clubs Tresor erstmals geöffnet: Eine Ausstellung räumt mit dem Nachwendezeit-Mythos auf

Wie passend: Auf den Tag der Deutschen Einheit fällt der Tag der Clubkultur. Denn auf der Tanzfläche sind ja alle eins, hier gibt es keine Grenzen und so weiter. Die romantische Verklärung der Berliner Feierszene in den 90ern ist wohl ebenso geläufig wie der David-Hasselhoff-Songtext: „I’ve been looking for Freedom.“ Dass dabei viele Perspektiven ausgespart werden, entspricht der Logik der Geschichtsschreibung: Der Mythos kennt keine Nuancen.

Damit versucht die Ausstellung „Tanzflächen der Wiedervereinigung“ der Berliner Clubcommission aufzuräumen. Sie versammelt mehr als 30 Beiträge aus Berlin und Ostdeutschland und geht der Frage nach, welche Geschichten der Club- und Jugendkultur rund um 1989 im kulturellen Gedächtnis hängen geblieben sind – und welche nicht.

„Die sich immer wieder wiederholenden Narrative der wilden 90er, der Technokultur, haben alle ihre Berechtigung, sind aber nur ein Teil einer sehr vielstimmigen Geschichte“, sagt Katharin Ahrend, eine der beiden Kuratorinnen, dem Tagesspiegel. „In dieser Geschichte kommen viele Menschen, Subkulturen und Orte, die ebenfalls sehr, sehr relevant waren, einfach nicht vor.“ Ihr ging es darum, das sichtbar zu machen und dieses Zusammenfallen von Clubkultur, Clubräumen und der Umbruchszeit durch die Wiedervereinigung mit einem Fokus auf Berlin und Ostdeutschland darzustellen.

Wir wollen keine Kritik leisten, sondern wir wollen einfach nur die Erzählung erweitern.

Lisa We, Kuratorin

Ihre Kollegin Lisa We ergänzt: „Wir wollen keine Kritik leisten, sondern wir wollen einfach nur die Erzählung erweitern und das einmal sichtbarer machen, dass in all dem nicht nur positive Geschichten zu hören sind. Der Mauerfall ist auch mit einem Strukturverlust, mit Existenzängsten verbunden und nicht nur mit dem Hedonismus der Feierkultur. Wir wollen diese Vielstimmigkeit abbilden und auch zeigen, dass auch dies die Jugend geprägt hat und letztlich Menschen wie uns, die in der Club- und Subkultur in Sachsen und in Sachsen-Anhalt groß geworden sind.“

Fotografieren und Filmen ist strengstens verboten.

Passender könnte der Ort dafür kaum sein. Die Ausstellung befindet sich in den unterirdischen Katakomben des Kraftwerks Berlin, die unter dem Projektnamen SOURCE erstmals für ein solches Projekt geöffnet werden. Man betritt sie durch den Club Tresor – und bekommt damit einen einmaligen Einblick in jene sonst verschlossenen Räume, die gewissermaßen unter dem Fundament der Berliner Clubgeschichte liegen. Fotografieren und Filmen ist hier strengstens verboten.

Der Weg dorthin ist Teil der Inszenierung. Zunächst läuft man durch eine beeindruckende Sound- und Lichtinstallation, die nichts für Klaustrophobiker ist: Die Räume sind eng, dunkel und intensiv bespielt. Gleichzeitig gelingt es der Installation, einen unmittelbar in eine etwas elektrisierende, mystische Stimmung zu versetzen, eine Stimmung, die jeder kennt, der schon mal einen Berliner Techno-Club von innen erlebt hat.

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Historisch ist das nachvollziehbar, als Ausstellungserlebnis aber schwer zu bewältigen. Wer die mehr als 30 Beiträge und die Fülle an Informationen tatsächlich durchdringen will, sollte Zeit mitbringen.


„Tanzflächen der Wiedervereinigung“ läuft vom 3. Oktober bis zum 9. November im Kraftwerk Berlin in der Köpenicker Straße 70. Die Ausstellung ist ein Projekt der Berliner Clubcommission anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens. Gefördert wird das Projekt unter anderem von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte. Weitere Informationen und kostenlose Tickets finden Sie hier.