Halbzeit beim Filmfestival in Venedig: Raunen statt Staunen
Zu den Nebenwirkungen eines Filmfestivals gehört die Verwirbelung der Bilder, schon nach wenigen Tagen. In welchem Film wurden gleich noch die Orkneyinseln angesteuert, in welchem die Osterinseln? Die Serenissima als ultimativer Sehnsuchtsort, Stichwort Tod in Venedig, war das nun Thomas Mann oder John Malkovich als CIA-Agent?
Oder George Clooneys Bemerkung, er wolle zwanzig Jahre nach seinem Tod nicht in einer Tampon-Werbung auftauchen. Fiel der Satz in einem der Massenmedienfilme in Venedig, in „Ink“ oder in „Primetime“? Nein, es war Clooneys Antwort auf die KI-Frage bei der Pressekonferenz zum Ehrenlöwen für den US-Star.
Gewiss hat es auch mit der flimmernden Hitze auf dem Lido zu tun, der immer etwas surrealen Atmosphäre auf der schmalen Insel zwischen Lagune und Adria, dass die vorab befürchtete Politisierung, sprich: Berlinalisierung des Filmfests Venedig bislang nicht stattgefunden hat. Eine erneute Kontroverse um eingeforderte und verweigerte Politstatements nach dem diesjährigen Berliner Jury-Pressekonferenz-Debakel um Wim Wenders’ angebliche Erklärung, Filmemacher sollten sich aus der Politik heraushalten, blieb jedenfalls aus.
Auf entsprechende Nachfrage reagierte Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal smart und gelassen, indem sie für Empathie warb, auch mit den bad guys. Und für das Kino als Möglichkeit, einen Zugang zum „kleinen bad guy in uns selbst“ zu finden. Und Wim Wenders, mit einem Film über den Architekten Peter Zumthor in Venedig vertreten, stellte klar, wie er es als Jury-Chef bei der Berlinale gemeint hatte.
Er sei missverstanden worden, er bleibe dabei, Film sei der Gegenpol zur Politik: „Als Filmemacher sind wir das Gegenteil von Politikern“, sagte er vor der Presse am Sonntag. „Wir haben Empathie. Politik funktioniert ohne Empathie.“ Filmemacher sollten nicht mit der Denkweise von Politikern arbeiten. „Wir wollen die Dinge verändern, in der Politik geht es darum, das Bestehende zu bestätigen“.
Festivaldirektor Alberto Barbera spricht vom politischsten Programm seit Jahren. Bisher schwitzt die Festivalgemeinde auf dem Lido dennoch recht friedlich vor sich hin, auch weil die am heißesten gehandelten Beiträge erst für die zweite Festivalhälfte terminiert sind: Alex Gibneys „Musk“-Doku und Yuval Abrahams Gaza-Film „Naza“.
Gute und schlechte Medienkritik
Ja, die Medien, die alles skandalisieren. Danny Boyles rasanter Eröffnungsfilm „Ink“ zeigt die Boulevardisierung der Presse als Duell zwischen Rupert Murdoch (Guy Pearce) und „Sun“-Chefredakteur Larry Lamb (Jack O’Connell) beim Aufstieg des britischen Blatts in den sechziger Jahren. Mitreißende Bilder, peitschender Hardrock, jeder Szenenwechsel ein Clash.

© Studiocanal + Danny Boyle
Zwar verliert der Film Murdoch aus dem Blick und legt den Fokus auf die Gier des Chefredakteurs, aber Boyles Adaption des gleichnamigen Theaterstücks stellt die Frage nach der Moral im auflagenfixierten Zeitungsbusiness so dringlich wie differenziert. Etwa wenn sich Jules (Claire Foy), die einzige Frau im Team, für mehr Sex im Blatt einsetzt, weil sie weibliche Sexualität enttabuisieren will. Bis sie das Handtuch wirft, als es auf Sexploitation hinausläuft.

© Filmfest Venedig
Nichts wird beschönigt, trotzdem mag man diese Kerle. Weil McDonagh eine furiose, Pointen-gespickte Hymne auf die Freundschaft singt, die mehr zählt als die Familie. Und weil Malkovich als sterbenskranker Sturkopf, der den Tod ebenso umarmt wie überspielt, die Performance seines Lebens hinlegt, mit Rockwell als coolem Sparringspartner.
Auch Werner Herzog legt Empathie an den Tag, so kannte man den in L.A. lebenden bayerischen Filmemacher noch gar nicht. In „Bucking Fastard“ begleitet er die symbiotischen Schwestern Jean und Joan (Rooney und Kate Mara) bei dem Versuch, ihren Platz in der sie abweisenden Welt zu finden. Alles machen sie zu zweit, kleiden sich identisch, sprechen synchron, lieben den gleichen Mann (Orlando Bloom), stalken ihn und beschimpfen ihn beim Gerichtsprozess simultan mit dem titelgebenden Versprecher.
Wie ihre realen Vorbilder, die britischen Zwillinge Freda und Greta Chaplin, werden auch die Film-Schwestern von einem fürsorglichen älteren Mann in dessen Stadtwohnung untergebracht. Er will sie vor Paparazzi und Shitstorm beschützen, ihr Kommentar: „Wie können wir im Internet sein, wenn wir gar kein Internet haben?“ Klingt wie ein Echo auf den Sensationsjournalismus von „Ink“ und „Primetime“.
Werner Herzog beschützt die beiden ebenfalls, hegt sie ein, lässt sie für den Alltag trainieren (Sardinenbüchsen-Öffnen geht nicht zu zweit) und schickt sie zur Tante aufs Land. Dort graben sie in einer Höhle über Jahre hinweg einen Tunnel, in der Hoffnung, auf die paradiesischen Orkneyinseln zu stoßen.
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Gerne würde man mehr erfahren, von den Bewohnern der Zumthor-Bauten, den Handwerkern, auch von Zumthor selbst. Gerne mehr über den Bündnerschiefer in Vals, über Materialien, Ideen, Kompromisse. Stattdessen begleitet Wenders Musiker, Performerinnen, einen Künstler oder die Schriftstellerin Siri Hustvedt beim Gang durch die Gebäude, es ist zu viel des Guten. Seine Bilder suggerieren jene Aura, die man gerne selber entdecken würde. Sie staunen nicht, sie raunen.
Wenigstens taucht im L.A.-Museum Werner Herzog wieder auf. Er sitzt vor einem der Panoramafenster und freut sich über die Aussicht.