Jeet Thayils Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin: „Vielleicht kann nur die Kunst uns retten“
Ich möchte über das heutige Klima reden, Klima im doppelten Wortsinn, das Klima auf unserem einzigen und gefährdeten Planeten. Meine Frage ist: Wozu sind Musik oder Gedichte oder Malerei in Krisenzeiten gut? Kann Kunst uns dabei helfen, zurechtzukommen in existenzieller Not?
Wystan Auden hat einmal gesagt, Dichtung bewirke nichts. Er hat das in einem Gedicht gesagt, und darum sollten Sie es wohl besser mit Vorsicht genießen. (Ich würde sagen: Genießen Sie alles, was ein Dichter sagt, mit Vorsicht.) Die Zeile steht in dem Gedicht „In Memory of W.B. Yeats“ („In Gedenken an W.B. Yeats“), veröffentlicht im März 1939, zwei Monate nach Yeats’ Tod im Januar.
Was geschah damals in Europa?
Der Zweite Weltkrieg beginnt sechs Monate, nachdem Audens Gedicht veröffentlicht wird, als am 1. September Deutschland Polen überfällt – ein Datum, auf das ich gleich noch zurückkommen werde. Zwei Tage später, am 3. September, folgt die Kriegserklärung Frankreichs und Großbritanniens.
Der Iran und die USA erklären, gemeinsam mit anderen europäischen und westasiatischen Staaten, ihre Neutralität, wenngleich es eine Neutralität mit Abstufungen ist – manche Staaten sind neutraler als andere. In dem Regionalkrieg zwischen Japan und China kommt es zu einer Pattsituation, wodurch eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt wird, die einige Wochen vor Weihnachten 1941 in der Bombardierung Pearl Harbors gipfelt, woraufhin die USA offiziell in den Krieg eintreten.
Zwei schnelle Jahre nach Yeats’ Tod hatte sich die Welt also vollkommen verändert. Auden hatte es kommen sehen, so wie Dichter:innen das eben tun. Doch sein Gedicht ist mehr Klage als Prophezeiung: „Dichtung bewirkt nichts.“ Es legt nahe, dass Dichtung und in der Folge alle Kunst ohne politischen oder praktischen Wert sind. Ohne jeden Wert jenseits des rein Künstlerischen.
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Der Rest des Gedichts wird weniger oft zitiert als die bekannteste Zeile „Denn Dichtung bewirkt nichts“. Doch Auden sagt auch, dass Dichtung im Tal ihrer Erzeugung überdauere. Ich würde sagen: Sie überdauert nicht nur. Sie gedeiht. Sie singt im Dunkeln, einen Midnight Blues. Sie ist das Pfeifen im Walde. Sie ist Bellinis I Puritani, gespielt – wie in Werner Herzogs Epos – an Deck des sich langsam flussabwärts bewegenden Dampfers in der Amazonasnacht.
Krieg ist ein Kontinuum
Audens Gedicht wurde am Vorabend einer alten Zerstörung geschrieben, kurz vor Beginn des letzten Weltkriegs. Es fühlt sich richtig an, es jetzt zu zitieren, wo die Welt dabei ist, in einen neuen Krieg oder eine endlose Folge regionaler Kriege abzugleiten. Manches hat sich geändert. Kriege sind heute an den Markt gebunden, Wettgeschäfte, die abhängig sind vom Steigen und Fallen von Aktien, vom Steigen und Fallen des Ölpreises. Krieg ist Business as usual, ein Kontinuum, eine Art, wie Staaten ihre Verteidigungsausgaben rechtfertigen und ihren nationalistischsten, chauvinistischsten, kriegstreiberischsten Neigungen Nahrung geben.
In einem weiteren Schlüsselmoment der Geschichte, genau jetzt, immer wieder jetzt, stellt sich erneut die Frage: Braucht es Kunst, wenn die Welt in Flammen steht und es scheint, als stünde sie kurz davor, wieder im Schlamm zu versinken?
Kunst ist mehr als eine Ansammlung von Sätzen über Krieg und Frieden, mehr als das Bild eines sterbenden Pferds in der Stadt Guernica.
Jeet Thayil
Ich würde niemandem dazu raten, sich auf Kunst als Maßnahme gegen Kriege und planetarische Notlagen zu verlegen. Was ich sagen würde, ist: Wir sind das Gegenteil von Schlamm. Wie es in dem Song heißt: „We are stardust“, wir sind Sternenstaub. Ein Lied, ein Gedicht, eine Geschichte, ein Gemälde, ein Gedanke erlauben uns, uns selbst zu übersteigen.