Die Klassik-Tipps der Woche für Berlin: Simon Rattle spielt dieses lange vergessene Werk von Schumann
Auch diese Berliner Klassik-Woche steht ganz im Zeichen des Musikfests (noch bis 23.9.). Simon Rattle ist mit dem Freiburger Barockorchester zu Gast, wie auch das London Symphonie Orchestra. Das Konzerthausorchester spielt Hans Werner Henzes 9. Sinfonie und es gibt 80 Jahre nach der Entstehung eine sensationelle Uraufführung zu erleben.
Abseits der großen Konzertsäle, aber nicht minder bedeutend, feiert ein zentraler Ort für die Freie Szene Berlins 20. Jubiläum. Das sind unsere Tipps der Woche.
1 Freiburger Barockorchester

© Felix Broede
Die Geschichte von Schumanns Violinkonzert ist dramatisch. Der Komponist litt 1853 unter schweren psychischen Problemen, als das Werk entstand. Kurz darauf folgten ein Suizidversuch und die Einlieferung in eine Nervenheilanstalt. Das Umfeld um seine Frau Clara entschied, diese Spätwerke daher nicht zu veröffentlichen und 100 Jahre unter Verschluss zu halten.
Von den Nazis missbraucht, kam es dann bereits 1937 in veränderter Form zur Uraufführung, als „arischer“ Ersatz für Mendelssohns Violinkonzert. Erst Yehudi Menuhin spielte kurz darauf in New York das in sich gekehrte Werk, das sich viel in den dunklen Lagen bewegt, wie von Schumann erdacht. Dennoch verschwand es dann zunächst wieder aus den Konzertsälen.
In den letzten Jahren erfreut es sich immer größerer Beliebtheit. Auch Dank Isabelle Faust, für die es „eine Erkundung der Seele“ ist. Sie spielt mit dem Freiburger Barockorchester unter Simon Rattle. Das Violinkonzert wird gerahmt von der Ouvertüre zur Oper Genoveva und Schumanns 2. Sinfonie.
2 Konzerthausorchester mit Henzes Sinfonia N. 9

© Oliver Killig
Für den Freigeist Henze, der sich nie von der Avantgarde um Stockhausen und Boulez vereinnahmen ließ, war seine Neunte „eine Summa summarum meines Schaffens“, wie er sagte. Den bekennenden Kommunisten und Antifaschisten, geboren 1926, ließen die Erfahrungen einer Jugend in Nazi-Deutschland nie los. Mit 70 Jahren blickte er noch einmal zurück. Es war „auch bezüglich der seelischen Anstrengung das Extremste, was ich je erlebt habe“. Damals beschäftige er sich mit Anna Seghers‘ Roman „Das Siebte Kreuz“, in der die Flucht von sieben Häftlingen aus einem deutschen KZ beschrieben wird. Hans-Ulrich Treichel übertrug das Buch in sieben großartige Dichtungen, die Henze vertonte. Gewidmet den „Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus“ lautet der Untertitel.
Henzes 9. Sinfonie ist ein großes Chorwerk, ein Mahnmal gegen Faschismus und Krieg. Sie steht in der Tradition der großen Oratorien von Händel und Haydn, aber natürlich auch von Beethoven. „Statt die Freude, den schönen Götterfunken zu besingen, sind in meiner Neunten den ganzen Abend Menschen damit beschäftigt, die noch nicht vergangene Welt des Grauens und der Verfolgung zu evozieren, die noch immer ihre Schatten wirft“, sagte er einst. Bei Henze spielt der Chor von Beginn an eine Hauptrolle neben dem Orchester.
Zum 100. Geburtstag kehrt Henzes Sinfonia N. 9 zum Musikfest zurück. Es spielt das Konzerthausorchester unter Duncan Ward, der kurzfristig für Joana Mallwitz einspringt, die am 1. September zum zweiten Mal Mutter geworden ist. Und, wie bei der Uraufführung, singt der Rundfunkchor. Wer mehr von Henze hören möchte, kann dies am Montag, 7.9. (20 Uhr) mit NDR Elbphilharmonie unter Alan Gilbert tun. Die Pianistin Tamara Stefanovich spielt dann Henzes emotionale „Tristan“-Préludes.
3 Uraufführung von Yvonne Loriod mit dem WDR-Sinfonieorchester

© Nikolaj Lund
Als die Komponistin Sofia Gubaidulina im vergangenen Jahr mit 93 Jahren starb, schrieb der Tagesspiegel-Autor in seinem Nachruf: „Es gibt nicht viele Gründe, an Gott zu glauben, aber die Musik von Sofia Gubaidulina war einer davon. Mit ihren Werken vermochte sie noch die unwilligste atheistische Seele zu öffnen.“ Die tiefgläubige russisch-tatarische Komponistin lebte seit 1992 in Schleswig Holstein.
Ihre erste Auslandsreise führte sie 1986 zu den Berliner Festwochen. Da ist es nur allzu passend, wenn das London Symphony Orchestra unter Sir Antonio Pappano beim Musikfest ihr spirituelles Bratschenkonzert aufführt. „Während ich komponiere, bete ich“, sagte sie einmal. Solist ist der Norweger Eiving Ringstad. Nach der Pause: Bruckners unvollendete 9. Sinfonie mit dem Adagio „Abschied vom Leben“.
5 Stockhausen trifft Wagner

© Tessa Veldhorst
Das Gebäude, in dem das Radialsystem seit 20 Jahren sein Zuhause hat, war 1881 eines der ersten Pumpwerke Berlins. Heute ist das Gebäude an der Spree ein zentraler Ort der Freien Szene der Stadt: Performances, Installationen, Konzerte, Tanz. Manchmal auch alles zusammen. Drei Tage feiert das Radialsystem sein 20. Jubiläum mit zahlreichen Weggefährten.
Den Auftakt macht eine Neuproduktion von Heiner Goebbels „Walden“, bei der der Künstler selbst Regie führt. Inspiriert vom Essayzyklus von Henry David Thoreau, der sein Leben in einer einsamen Hütte in der Natur beschreibt, entwickelt er einen Klangraum. Es spielen das Solistenensemble Kaleidoskop und das Ensemble Klang aus Den Haag. Erzähler ist Keir Neuringer, Lichtgestaltung von Marc Thein.
Weiter geht es Freitag (11.9.) mit Workshops, Performances und dem Andromeda Mega Express Orchestra. Samstag (12.9., ab 11 Uhr) ist „Open House“, zu Gast sind u. a. Nico and the Navigators sowie Sasha Waltz & Guests.