„Spaziergang nach Syrakus“ im Kino: Zu Hause ist es nicht immer am schönsten

Das Markenzeichen des Helden ist seine John-Lennon-Nickelbrille. Paul Gompitz trägt die kreisrunde, intellektuell wirkende Brille jahrelang. Sie symbolisiert Eigensinn und Sturheit.

Zu seiner Berufsbekleidung gehören eine schwarze Fliege und die stets akkurat gebügelte weiße Kellnerjacke. Gompitz arbeitet in der Gastronomie, am Anfang serviert er auf einem Ausflugsdampfer im Greifswalder Bodden Backfisch und Bier.

Die DDR ist 1982 ein Staat im Stillstand, regiert von greisen Männern im Politbüro, die sich von der wirklichen Lage im Land entkoppelt haben. Die Fundamente des Systems bröckeln, aber die Angst vor den Apparatschiks und der Staatssicherheit wirkt weiter. Vom Wind des Wandels, gar von der bevorstehenden Wende ist wenig zu spüren.

Seemannsgarn nach Feierabend

Der Film „Spaziergang nach Syrakus“, inszeniert von Lars Jessen, handelt von einer unglaublichen, aber wahren Geschichte aus dieser Zeit. Nach Feierabend, als die Gäste das Schiff verlassen haben, sitzt Gompitz noch mit der übrigen Crew bei Bier und Schnaps zusammen.

Sie spinnen Seemannsgarn, einige haben Hochseeerfahrung. Und erzählen von fremden Ländern, Sehnsuchtsorten, die DDR-Bürgern versperrt sind. Sie verabschieden sich mit „Zuhause ist es immer am schönsten“, und Gompitz nickt.

Film "Spaziergang nach Syrakus", Foto: Pandora Film

Paul Gompitz lebt mit seiner Ehefrau Anne mitten in der vorpommerschen Strand-, Dünen- und Kiefernwald-Idylle. Die Datsche, die Anne gekauft hat, haben sie liebevoll ausgebaut. Im Wohnzimmer hängt die gerahmte Reproduktion einer Canaletto-Ansicht von Dresden.

Manchmal hebt er das Bild von der Wand, um zu betrachten, was er dahinter angepinnt hat: eine Europakarte. Tief im Südwesten, weit weg von der DDR, liegt Syrakus, die legendäre, vor zweitausend Jahren von den Griechen gegründete Stadt an der sizilianischen Ostküste. Dorthin will Gompitz, wenigstens einmal im Leben.

Traumreisen auf der Landkarte

Der Film basiert auf Friedrich Christian Delius’ Novelle „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, die 1995 herauskam. Delius folgt den Spuren des Schlossers und Kellners Klaus Müller, der 1988 aus der DDR floh und bis nach Sizilien reiste. Dessen Vorbild war wiederum der Schriftsteller Johann Gottfried Seume, der 1801/02 von der sächsischen Stadt Grimma aus nach Syrakus wanderte.

Der Goethe-Freund stammte aus einfachen Verhältnissen und wurde auch in der DDR geehrt. Das Seume-Haus in Grimma gibt es bis heute, ein Reisebericht gehörte zu den Bestsellern des Leipziger Reclam-Verlags. So wie der selbsternannte Arbeiter-und-Bauern-Staat – das ist eine seiner Paradoxien – ja auch Übersetzungen von Büchern aus dem westlichen Ausland drucken und Filme von dort zeigen ließ. Sich jenseits des Eisernen Vorhangs umzuschauen, war allerdings nur handverlesenen Reisekadern erlaubt.

Charly Hübner, Lina Beckmann und Thorsten Merten im Film "Spaziergang nach Syrakus". Foto: Sammy Hart/Pandora Film