Von der Hauptfigur zum Herausforderer: So plant Bundestrainer Nagelsmann bei der WM mit Leroy Sané

Dass die Benennung eines WM-Kaders einige schreiende Ungerechtigkeiten mit sich bringt, das hat Julian Nagelsmann am Donnerstag deutlich zum Ausdruck gebracht. Als der Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Öffentlichkeit sein Aufgebot für die Weltmeisterschaft in Nordamerika (11. Juni bis 19. Juli) präsentierte, musste er sich auch zu einigen Härtefällen äußern, die es nicht in den erlauchten Kreis geschafft hatten.

Ein bisschen ist bei dieser Gelegenheit in den Hintergrund geraten, dass die Benennung eines WM-Kaders auch ein Akt der Wiedergutmachung sein kann. Im konkreten Fall an Leroy Sané, den Nagelsmann Anfang Juni mit in die USA nehmen wird. In einem WM-Kader, der alles in allem wenig Überraschendes bot, in dem es keinen David Odonkor gibt wie 2006, war Sanés Nominierung noch die größte Überraschung – und wohl auch die strittigste Entscheidung des Bundestrainers.

Im Grunde ist es wie vor acht Jahren, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Damals trat Joachim Löw, Nagelsmanns Vorvorgänger, im Trainingslager in Eppan vor die Presse, um mitzuteilen, welche Spieler dem finalen Cut vor der WM in Russland zum Opfer gefallen waren. Bei Löw klang das dann so: „Nicht dabei sind Jonathan Tah, Nils Petterssen und Leroy Sahne.“ Mit Tah und Petersen hatte man gerechnet, mit Sané nicht.

Er ist ein Spieler, bei dem man immer mehr sieht, was er nicht bringt.

Bundestrainer Julian Nagelsmann über Leroy Sané

Der Offensivspieler hatte gerade eine starke Premierensaison bei Manchester City hinter sich, war sogar zum besten Rookie der Premier League gewählt worden. In der WM-Vorbereitung aber hinterließ er einen überheblichen bis lustlosen Eindruck.

Auch in dieser Hinsicht ist es diesmal genau andersherum: Sanés Bilanz im Verein war dürftig. Dass er trotzdem im WM-Kader steht, hat er seinen jüngsten Auftritten in der Nationalmannschaft zu verdanken. „2026 war auf Vereinsebene zu wenig“, sagte der Bundestrainer. „Aber bei uns hat er in den letzten vier Spielen fünf Scorer gesammelt. Die Quote ist sehr, sehr gut.“

Im vergangenen Sommer ist Sané vom FC Bayern München zu Galatasaray Istanbul in die türkische Superlig gewechselt. Viele haben diesen Schritt nicht nur als Abschied aus Deutschland gesehen, sondern auch als Abschied von der Nationalmannschaft. Dass Nagelsmann Sané für die ersten beiden Länderspiele nach dem Wechsel nicht nominierte, passte da ins Bild.

„Die türkische Liga ist den Tick schlechter als die Bundesliga und auch andere europäische Topligen“, hat der Bundestrainer damals zu seiner Entscheidung gegen Sané gesagt. „Ich erwarte keine Wunderdinge von ihm. Aber er braucht eine gewisse Quote. Die hat er bisher noch nicht erreicht.“

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Seit dem vergangenen Sommer spielt Sané (rechts) in der Türkei. In der Rückrunde der Süper Lig erzielte er nur noch ein Tor.

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Wenn man ehrlich ist, hat Sané diese Quote auch im weiteren Verlauf der Saison nicht mehr erreicht. In 43 Pflichtspielen für Galatasaray kommt er auf sieben Tore und neun Assists. In der Champions League, dem eigentlichen Maßstab für internationale Klasse, gelangen ihm zwei Vorlagen.

Leroy Sané, vor 30 Jahren in Essen geboren, galt mal als die vielleicht größte Verheißung des deutschen Fußballs. Dass er inzwischen vor allem als uneingelöstes Versprechen gesehen wird, liegt auch an seiner mäßigen Bilanz bei großen Turnieren. In zwölf Einsätzen bei Welt- und Europameisterschaften ist ihm kein einziges Tor und nur eine Vorlage gelungen.

Der Zauber der frühen Jahre ist längst verflogen. Sanés Nominierung für die WM hat keinen Jubel ausgelöst. Im Gegenteil. Viele haben gefragt: Warum der und nicht etwa der Kölner Said El Mala, der ähnliche Fertigkeiten mitbringt, dazu aber nicht nur deutlich jünger ist, sondern auch unverbraucht und unbelastet?

Selbst Nagelsmann hat festgestellt, dass Sané zunehmend kontroverser gesehen wird. Aber: „Er ist ein Spieler, bei dem man immer mehr sieht, was er nicht bringt, weil er leider manchmal eine gewisse Ausstrahlung hat.“

Innerhalb der Mannschaft aber genießt Sané laut Nagelsmann eine extrem hohe Anerkennung. Das schließt im Übrigen auch den Bundestrainer ein, der weiterhin von den Qualitäten des 30-Jährigen überzeugt ist. Oft genug hat Nagelsmann Sané als Weltklassespieler bezeichnet, als „Spieler, der alles kann“.